Bericht über den Bombenangriff am 22.5.1944

Autor: Horst Lüders

Bericht über den Bombenangriff am 22.5.1944 – von Horst Lüders (verstorben 2003)

Am 22. Mai 1944 etwa gegen 13 Uhr wurde Voralarm gegeben, etwas später Hauptalarm. Die meisten Bibliotheksangehörigen hatten das Haus schon beim Voralarm verlassen, ich blieb bis zum Hauptalarm und ging dann in den Bibliothekskeller, da bereits kurz nach der Warnung das Flakfeuer einsetzte, also kaum mehr Zeit war, zum Bunker im Philosophengang zu gehen.

Im Kellervorraum (vor der jetzigen Hausbuchbinderei) hielten sich während des Bombenangriffs die Herren Bibliotheksräte Dr. Klose und Dr. Bleiber, die Diplom-Bibliothekarin Fräulein Cordes und ich auf, im Heizungskeller die Bibliotheksangestellten Herr Wittkugel und Frau Sapik. Im Luftschutzkeller, der oberhalb der Kellertreppe im Heizungskeller lag (also in Erdhöhe), befanden sich Herr Direktor Oberländer, Herr Dr. Bülck, Fräulein Jungcklaus, Frau Jacobs und Fräulein Lenglet, Frau Ovzarek, die Sekretärin, außerdem 13 oder 14 Strassenpassanten bzw. Bibliotheksbenutzer.

Als die Bombeneinschläge offensichtlich immer näher kamen, machte ich Herrn Dr. Klose darauf aufmerksam, daß ich den Platz im Kellervorraum für wesentlich sicherer als den Aufenthalt in dem höher gelegenen Luftschutzkeller hielt. Herr Dr. Klose stimmte dem zu und bat mich, Herrn Direktor Oberländer zu fragen, ob er nicht herunterkommen wolle. Als ich auf dem Wege zum LS-Keller gerade die Treppe im Heizungskeller erreicht hatte, schlug ein Volltreffer im Luftschutzkeller ein. Vor der mir entgegenfliegenden Tür konnte ich noch gerade zurückspringen. Ich vernahm lediglich einen Schrei (Frau Sapik, wie sich später herausstellte), dann herrschte Totenstille.

Wir versuchten sofort, ins Freie zu gelangen, was durch die Fenster der jetzigen Hausbuchbinderei gelang. Wir stellten dann fest, daß die Magazinwand auf der Westseite des Hauses durch eine schräg auf diese Wand aufgeschlagene Sprengbombe aufgerissen und der Luftschutzkeller restlos verschüttet war. Ein Zugang zu den Verschütteten konnte also nur von innen versucht werden. Herr Dr. Klose begann sofort zusammen mit Herrn Wittkugel mit den Bergungsarbeiten und beauftrage mich, zunächst beim Universitätsluftschutzwart Milczarek Krankenwagen und Feuerwehr anzufordern und mich dann um eventuelle Brände im Hause zu kümmern.

Wegen des starken Funkenflugs und der dichten Rauchwolken, die über der Hegewischstraße lagen (in der viele Gebäude brannten), versorgten Fräulein Cordes, die anschließend nach Hause wollte, und ich uns mit nassen Decken und bahnten uns den Weg durch das Verwaltungsgebäude der Akademischen Heilanstalten, in dem Herr M. residierte. Wir trafen M. vor dem Hause und baten ihn, umgehend Unfallwagen und Feuerwehr zur Universitätsbibliothek zu beordern. Die Antwort etwa: „Da kann ja jeder kommen, machen sie gefälligst schriftliche Meldung“ – man konnte in diesem Moment die Hand vor Augen kaum sehen … Das ganze Luftschutzsystem des Herrn M. war so offensichtlich restlos zusammengebrochen, das wir von dort keine Hilfe erwarten konnten. Ich begab mich also sofort zurück zur Bibliothek.

Inzwischen stand der Magazinbau, in dem u.a. Zeitungsbände und Dissertationen lagerten, in hellen Flammen. Ein Löschen war mit den Hauslöschgeräten ausgeschlossen. Ich hielt es daher für vordringlich, ein Übergreifen des Feuers auf das Hauptmagazin zu verhindern. Dazu mußten die stellenweise schon glühenden Zwischentüren unter Kontrolle gehalten werden, da unmittelbar daneben Holzregale standen. Zusammen mit Herrn Merckens, den ich im Hausflur traf, gelang es, mit Trockenlöschern und den vorhandenen Wasservorräten die größte Gefahr für das Hauptmagazin vorerst abzuwenden.

Der alte Buchbinder Tödt, der sich während des Angriffs im Magazin aufgehalten hatte, lief inzwischen kreuz und quer durch das Magazin und trat die brennenden Papierfetzen aus, die ständig hereinwehten. Nach etwa einer Stunde kam der Soldat Möller aus dem Hasseer Lazarett (Magazingehilfe im Kriegeseinsatz), dem ich die Brandkontrolle im Magazin übergab. Ich wollte mich um Hilfe durch die Feuerwehr bemühen, da die durch das Feuer verursachte Hitze allmählich bedenklich zunahm.

Vor der alten Universität, die restlos abgebrannt war, standen mehrere Feuerwehrleute mit Spritzen, die zwar durch Pumpen aus dem Hafen versorgt wurden, aber abgestellt waren, weil am abgebrannten Universitätsgebäude nichts mehr zu löschen war. Ich bat den Brandmeister, sich unseres Gebäudes anzunehmen, wo er Gelegenheit hätte, noch beträchtliche Werte zu retten. Er lehnte das ab, weil er den Auftrag hatte, das Universitätsgebäude zu löschen.

Da auch gutes Zureden nicht diese sture und lächerliche Einstellung zu ändern vermochte, zog ich selbst mit einer der herumliegenden Spritzen ab, zwar unter Protest der Feuerwehr, aber ohne direkt daran gehindert zu werden. Ich hatte das Glück, daß der Schlauch bis zum 1. Fenster des Anbaumagazins reichte, so daß ich die Zwischenwand nunmehr so unter Wasser setzen konnte, daß die unmittelbare Gefahr gebannt war. Auch das Feuer konnten Herr Möller, der mir inzwischen zur Hilfe kam, und ich einigermaßen eindämmen, so daß die Feuerwehr nur noch wenig Arbeit vorfand, als sie nach einiger Zeit endlich Einsatzbefehl für die Bibliothek hatte.

Im Hausflur traf ich Herrn Dr. Klose, der mir berichtete, daß nur Herr Direktor Oberländer und Herr Dr. Bülck lebend, aber schwer verletzt geborgen und mit Krankenwagen abtransportiert waren. Die Toten lagen, soweit sie schon geborgen waren, im Flur unter Papier und Wolldecken, noch als wir gegen Abend von der Polizei abgelöst wurden. Daß Herr Dir. Oberländer noch am Abend verstorben war, erfuhr ich erst am nächsten Morgen von Herrn Dr. Klose.

Erst am nächsten Tag stellten wir fest, daß ein Bombenblindgänger durch den Katalograum zum Vorraum der Dissertationsstelle eingeschlagen war.

Kriegsgeschädigtes Hauptgebäude der Universität am Schlossgarten, aufgenommen vom Dach des ehemaligen Gebäudes der UB in der Brunswicker Str. 2 – fotografiert von Wolfgang Merckens Ende Mai 1944