Die Bombardierung der Universitätsbibliothek 1944

Autor: Wolfgang Merckens

Am Montag, den 22. Mai 1944, mittags um 12.36 Uhr, wurde in Kiel Fliegeralarm ausgelöst. Es folgte ein verheerender Tagesangriff amerikanischer Bomberverbände, bei dem ca. 600 Sprengbomben und einige tausend Brandbomben auf die Stadt abgeworfen wurden und angeblich 88 Menschen zu Tode kamen. Die Nikolaikirche wurde ganz zerstört, und am Alten Markt sanken die berühmten Persianischen Häuser in die Asche. Es war der 63. von insgesamt 90 Luftangriffen auf Kiel. Nähere Kunde von den bei diesem Angriff angerichteten Zerstörungen vermittelt das Tagebuch von dem Alarmposten auf dem Kieler Rathaus Detlev Boelck.1

Ein von Boelck nicht zur Kenntnis genommenes und der Öffentlichkeit in Kiel unbekannt gebliebenes dramatisches Einzelgeschehen an diesem Tage war die Bombardierung der alten Universitätsbibliothek, von der im folgenden berichtet werden soll. Das Unglück ereignete sich gleich zu Beginn des Bombardements, kurz vor 13 Uhr. Eine Sprengbombe traf das Bibliotheksgebäude, Brunswiker Str. 2a (heute Nr. 2), an der westlichen Längsseite, riß im Magazintrakt ein bis zum Dachgesims reichendes etwa 200 qm großes Loch in die Außenwand und brachte den dort gelegenen Luftschutzraum zum Einsturz. In ihm fanden 18 Menschen einen schrecklichen Tod. Unter den Opfern waren der noch lebend geborgene, aber wenig später in der Chirurgischen Klinik gestorbene Bibliotheksdirektor Dr. Oberländer und vier weibliche Bibliotheksangehörige. Als einziger Überlebender wurde der stehend bis zur Hüfte von Trümmern eingeschlossene Bibliotheksrat Dr. Rudolf Bülck schwer verletzt geborgen. Die übrigen Insassen des Schutzraums waren, für das Auge nicht sichtbar, ganz von Trümmerschutt bedeckt, sie erlitten den Erstickungstod.2

Der Verlust an Bibliothekspersonal hielt sich noch in Grenzen, denn mehrere Damen hatten die Bibliothek schon zur Mittagspause verlassen, oder im nahen Bunker am Philosophengang Schutz gesucht. Glücklicherweise waren auch einige Herren von der Bibliothek, die sich in dem unzerstört gebliebenen Kellervorraum aufgehalten hatten, mit dem Schrecken davon gekommen. Es waren, soweit erinnerlich, der nun den Direktor ersetzende Bibliotheksrat Dr. Klose, der Katalogisierungshilfe leistende emeritierte Universitätsprofessor Dr. Wegemann, der achtzig Jahre alte Hausbuchbinder Tödt, der am Anfang der Ausbildung stehende siebzehnjährige Horst Lüders, der Berichterstatter selbst und ein als Rekonvaleszent Hilfsdienstleistender Soldat Helmut Möller. Diese Herren waren sofort zur Stelle, um mit der Bergung der Verschütteten zu beginnen. Ein Trupp Luftschutzhelfer kam hinzu, durch dessen Einsatz auch die Toten geborgen werden konnten.

Die Toten der Bibliothek (Nekrolog von H. Grothues)3

„Am 22.5.1944 hatte die Universitätsbibliothek bei einem Bombenangriff den Tod von fünf Angehörigen zu beklagen. Es starben der Direktor Dr. Herbert Oberländer (59 Jahre), seit dem 1.1.1921 im Dienst der Bibliothek, seit dem 11.1.1937 als Direktor; die Bibliotheksinspektorin Fräulein Minna Jungclaus (40 Jahre), seit dem 1.10.1926 an der Bibliothek tätig; die Angestellte Frau Elly Jacobsen (58 Jahre), eingetreten am 1.11.1941; Fräulein Julia Lenglet (57 Jahre), eingetreten am 11.5.1943; Frau Elfriede Ovzarek (44 Jahre), [als Sekretärin] eingetreten am 16.3.1943.“ – Die Namen der toten Bibliotheksangehörigen verzeichnet auch Georg Leyh.2

Eine zweite Sprengbombe traf ungefähr die Mitte des Hauses, kam aber nicht zur Explosion. Im zweiten Stock durchschlug sie im Katalogzimmer den Fußboden und blieb im ersten Stock in einem Nebenraum des Lesesaals zwischen den Bücherregalen als Blindgänger liegen. „Bei einer Explosion wären mit größter Wahrscheinlichkeit alle Kataloge vernichtet worden“ (H. Grothues).3 Tatsächlich blieb der von dieser Bombe angerichtete Schaden aber auf die Durchschlagsstellen begrenzt. Die Verwaltungsräume und der Lesesaal hatten keinen ernsthaften Schaden genommen.

Das ganze Bibliotheksgebäude war an diesem Tage obendrein durch Feuer stark gefährdet, da ein an der Rückseite des Hauses gelegener Magazinanbau von Brandbomben getroffen wurde. Er brannte, als es bemerkt wurde, schon in seiner ganzen Ausdehnung. Die als alleiniger Zugang vom Hauptgebäude dort befindliche Eisentür war aufgesprungen und konnte nicht mehr geschlossen werden. Die von dem sehr besorgten Bibliotheksrat Dr. Klose gerufene Feuerwehr aber ließ bei dem in der Stadt entstandenen Inferno auf sich warten. An ein Löschen des Feuers war nicht zu denken. Es galt deshalb, mit hauseigenen Mitteln ein Übergreifen des Feuers auf das Büchermagazin im Altbau zu verhindern. Vermittels einer primitiven Feuerspritze mit Handpumpe wurde dies von dem jungen Angestellten Horst Lüders in Gemeinschaft mit dem Verfasser denn auch glücklich bewerkstelligt.4 Als unermüdlicher Wasserträger stand ihnen der genannte Soldat Helmut Möller zur Seite. Das Löschwasser mußte mit Eimern von der im Vorderhaus befindlichen Toilette herangeschafft werden. Durch unablässiges Naßhalten des gesamten Türbereichs konnte das Feuer zurückgehalten und die Bibliothek vor einer Brandkatastrophe bewahrt werden. Über fünf Stunden war die kleine Mannschaft im Einsatz, als gegen 18.30 Uhr endlich ein Löschtrupp der Feuerwehr angerückt kam. Nachdem ein Feuerwehrschlauch an einem Hydranten in der Hegewischstraße angeschlossen worden war, begann man, den immer noch stark lodernden Brand zu löschen.

Der Magazinanbau war bei einem Luftangriff am 29. April 1942 schon einmal ausgebrannt, wobei rund 250.000 Bände, etwa die Hälfte des Bücherbestands, verbrannten. „Die Ausbreitung des Feuers wurde durch die durchbrochenen rostartigen Fußböden begünstigt“, meint Georg Leyh.2 In der Tat konnte sich das Feuer wegen der Durchlässigkeit der Eisenrostböden in Windeseile auf alle Geschosse ausbreiten. Wegen der konstruktionsgleichen Unterteilung der fünf Geschosse im Magazin des Hauptgebäudes hätte es am 22. Mai 1944 zu einer Wiederholung dieser Brandkatastrophe kommen können.

Feuersgefahr drohte der Bibliothek an diesem Tage auch von der in Flammen stehenden Brunswiker Straße her, da bei dem herrschenden starken Wind brennende Tuch- oder Gardinenfetzen durch die zerbrochenen Fenster ins Haus geweht wurden. Wiederholt mußten bei Kontrollgängen kleinere Brandnester im Treppenhaus ausgetreten werden.

Die alte Universitätsbibliothek an der Brunswiker Straße wurde in den Jahren 1881-84 nach den Plänen der Firma Gropius & Schmieden in Berlin in gelbem und rotem Ziegelmauerwerk erbaut. Sie wurde unter Denkmalschutz gestellt.5 Die durch die Bombe zerstörte westliche Magazinwand konnte glücklicherweise vollkommen originalgetreu wiederhergestellt werden. Das Gebäude beherbergt heute noch die Medizinische Abteilung der Universitätsbibliothek sowie des Instituts für Geschichte der Medizin und Pharmazie und die Medizin- und Pharmazie-Historische Sammlung Kiel.

Der in den Jahren 1906/07 entstandene Magazinbau mußte wegen der im Spätsommer 1944 durch eine Bombe verursachten weitgehenden Zerstörung des Mauerwerks nach dem Kriege abgebrochen werden. Ein Parkplatz nimmt heute seine Stelle ein.

Quellen und Anmerkungen

  1. Boelck, Detlev: Kiel im Luftkrieg 1939-1945. Kiel 1980. (Sonderveröffentl. der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 13), S. 54.81.133.- Auszug in: Jensen, Jürgen: Kriegsschauplatz Kiel. Luftbilder der Stadtzerstörung 1944/45. Neumünster 1989, 2 Aufl. 1995 (Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Sonderveröffentl. 23), S. 22
  2. Leyh, Georg: Die deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Kriege. Tübingen 1947, S. 132 F. 210. - Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken. Hrsg. i. A. des Vereins Deutscher Bibliothekare. 2 (1949), H. 3, S. 43 f. mit unrichtigem Datum. - Bülck, Rudolf: Geschichte der Kieler Universitätsbibliothek. Hrsg. von Wilhelm Klüver. Eutin 1960, S. 281. - Schmidt-Künsemüller, Friedrich Adolf: Die Universitätsbibliothek, in : Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665-1965, Bd 1, T. 2. Neumünster 1965, S. 252 ff.
  3. H. Grothues: UB Kiel, Nachlaß Heinrich Grothues. – Dr. Heinrich Grothues gehörte der Bibliothek seit 1925 an. Er wurde 1941 an die Universitätsbi-bliothek Straßburg versetzt und kehrte erst nach dem Kriege nach Kiel zurück. Er übernahm am 1.2.1946 die Leitung der Kieler Universitätsbibliothek und trat am 28.2.1959 in den Ruhestand. Er hat sich um die Bibliothek durch die Beseitigung der Gebäudeschäden und innerbauliche Verbesserungen verdient gemacht.
  4. Horst Lüders war nach 1948 abgeschlossener Ausbildung bis 1964 an der Universitätsbibliothek und anschließend bis zu seiner Pensionierung 1992 an der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel als Dipl.-Bibliothekar tätig. Seine Beteiligung an dieser von ihm selbst angeregten Niederschrift wurde durch seinen unerwarteten frühen Tod am 21.9.2003 vereitelt. Seinem ehrenden Andenken sind diese Ausführungen gewidmet.
  5. Kunst-Topographie Schleswig-Holstein. Neumünster 1969, S. 36.

Kriegsschäden am ehemaligen Gebäude der Universitätsbibliothek in der Brunswicker Str. 2 in Kiel (heute Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung – fotografiert von Wolfgang Merckens Ende Mai 1944)

Kriegsschäden am ehemaligen Gebäude der Universitätsbibliothek in der Brunswicker Str. 2 in Kiel (heute Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung – fotografiert von Wolfgang Merckens Ende Mai 1944)