Die CAU in schwerem Wasser (1992 - 2008)

Autor: Prof. Dr. Thomas Bauer

Bevor ich 1992 an die CAU kam, hatte ich nach dem Studium in Wien an den Universitäten Ulm, Regensburg und Bayreuth gearbeitet. Alle drei sind erfolgreiche Neugründungen aus den 60iger und 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts, begannen in neuen Gebäuden mit frisch berufenem Personal und waren finanziell sehr gut ausgestattet. In der alten Kieler Universität übernahm ich am Zoologischen Institut einen Lehrstuhl für Tierökologie. Hier gab es alte Gebäude, weniger Geld, und ich empfand die Atmosphäre zunächst als gespannt und polarisiert. Es schien „konservative“ und „fortschrittliche“ Kollegen zu geben und entsprechende Wahllisten und Fraktionen in den Gremien, und dies deckte sich mit der in Kiel stark bemerkbaren politischen Polarisierung zwischen „Rot“ und „Schwarz“. Bayern und Baden-Württemberg hatten dagegen seit Jahren CSU bzw. CDU-Regierungen, die verfassten Studentenschaften waren abgeschafft worden und die Atmosphäre in den Universitäten war unpolitisch.

In Kiel empfand ich die intensive Mitsprache und Beteiligung der Studierenden in allen Gremien bald als ausgesprochen interessant, belebend und wertvoll. Die beschriebene Lagereinteilung war schnell als Relikt der Auseinandersetzungen in den 68iger Jahren erkennbar, die hier heftig abgelaufen waren, und in denen sich Fronten gebildet und verfestigt hatten. Sie verlor sich – auch durch den intensiven Personalwechsel bedingt – in den 90iger Jahren von selber. Die Atmosphäre lebhafter Auseinandersetzungen ist – zum Glück – geblieben. Als viel besser als andernorts, weil die Fachrichtungsspezifika besser widerspiegelnd und daher übersichtlicher, empfand ich die Gliederung der CAU in 8 traditionelle Fakultäten, von denen die großen sinnvolle Untergliederungen haben, die abgestufte demokratische Entscheidungsprozesse erleichtern.

Ich wurde damals ziemlich schnell und intensiv mit den Auseinandersetzungen um das PZÖ/ÖZK beschäftigt. Zur Erinnerung: Das Bundesforschungsministerium (BMFT) förderte in den 80iger und 90iger Jahren die ökologische Forschung gezielt in Göttingen, Bayreuth und Kiel, mit dem Ziel der Gründung ökologischer Forschungseinrichtungen. Zu deren Gründung und Übernahme in den Länderhaushalt hatten sich die 3 Universitäten und Länder bereit erklärt. Die dritte Förderungsphase stand unter dem Vorbehalt konkreter Schritte zu einer solchen Institutsgründung, die CAU–intern auf starken Widerstand stieß. Der Großteil der im Projekt „Bornhöveder Seenplatte“ arbeitenden und gut finanzierten Kollegen war für die Gründung und wollte in ein neues Institut. Die in den Stamminstituten verbliebene Mehrheit war gegen die Abwanderung dieser Professuren, auch weil nach ihrem Geschmack eine Forschungseinrichtung damit ungebührlich bevorzugt würde.

Rektorat und Land waren gegenüber dem BMFT im Wort, wollten das Geld der 3. Förderungsphase und also auch die Neugründung. Dieser Streit hat das damalige Rektorat und die Math. Nat. Fakultät stark belastet und ich wurde als Neuzugang und wegen meiner fachlichen Nähe zur Ökologie durch den Dekan Bernd Zeitzschel zu einer Art Schlichter bestellt. Mir sind damals als Lösung des Konfliktes die „Doppelbänderprofessuren“ eingefallen, also ein Kompromiss. Die infrage stehenden Professuren blieben bei den Stamminstituten und konnten gleichzeitig mit ihrem Personal im und für das neu gegründete „Ökologische Zentrum Kiel“ tätig sein. Das Land hat diese Neugründung durch Zuweisung von 6 zusätzlichen Mittelaustellen unterstützt.

Nach meinen späteren Erfahrungen halte ich Aninstitute und Institute außerhalb der Fakultäten an einer Universität für problematisch. Sie haben in der Regel Sonderregelungen in Finanzierung, Personalbestand, Lehrbelastung usw., die Kollegen dort neigen dazu, sich innerlich und äußerlich aus dem Universitätsverbund zu verabschieden und das stört die Einheit, Flexibilität und interne Solidarität, die für das gute Innenklima an Universitäten als „Staat im Staate“ wichtig sind (s.u.). Die Jahrhundertwende war von der Forderung nach einschneidenden Personalkürzungen an der CAU überschattet, die uns enorme Probleme bescherten. Ich habe diese Phase als Prodekan und Dekan der Math. Nat. Fakultät erlebt. Zur Entlastung der CAU in diesen dramatischen Zeiten habe ich damals die Fusion von Agrarfakultät und Technischer Fakultät mit der Math. Nat. Fakultät vorgeschlagen. Das erregte innerhalb und außerhalb der CAU verständlicherweise erheblichen Widerspruch. Beide Fakultäten hatten zu der Zeit allerdings nur wenige Studierende und ich hatte mir die Fusion so vorgestellt, dass deren Professoren auf frei werdende Professuren der Math. Nat. Fakultät eingewiesen werden sollten. Das hätte auch die Nat. Math. Fakultät im Hinblick auf Lehrangebot und die Praxisorientierung ihrer Fächer stark verändert.

Unabhängig davon, ob und wie dieser Vorschlag umsetzbar gewesen wäre, er hat die Dramatik der finanziellen Einschnitte in der Öffentlichkeit unterstrichen und - in schwierigen Zeiten immer gut für eine Universität – die internen Diskussionen über Selbstverständnis und Bedeutung einzelner Fakultäten für die CAU kräftig angeblasen. Agrarfakultät und TF blieben zum Glück erhalten und haben sich in der Folge dann prächtig regeneriert. Das Resultat aller Diskussionen war ein Kürzungsplan für die kommenden Jahre, der sog. „Strukturplan II“, mit dem die CAU alle ihre Fächer erhalten konnte, z. T. aber nur noch mit minimaler Personalausstattung.

Seit es Universitäten gibt, mussten sie nicht nur um ihren Bestand sondern auch um Ihre Autonomie kämpfen. Das gilt auch für die CAU in den ersten 10 Jahren des 21. Jahrhunderts. Weitgehende Autonomie der Universitäten erscheint mir zur Erfüllung ihrer wichtigsten Aufgabe, der Hervorbringung wissenschaftlich gebildeter, humanen Prinzipien verpflichteter, kreativ denkender „philosophischer Köpfe“ (F. Schiller) unabdingbar. Geradezu überlebenswichtig sind sie in einer Demokratie, deren stetiger Wandel und Notwendigkeit zur Rück- und Neubesinnung solcher Köpfe erfordert. Den Abs. 3, Art. 5 des Grundgesetzes („Forschung und Lehre sind frei“) habe ich immer politisch verstanden: Der Staat gebe das Geld, lasse aber die Universitäten als seine hochwertigsten Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen ihre Belange selber regeln und gewinnt rückwirkend die später in verschiedensten Funktionen tätige, den demokratischen Staat gestaltende und tragende Elite.

Von 2005 – 2008 war ich als Prorektor und Rektor mit meinen Rektoratskollegen (Jörn Eckert als Rektor bis 2006, Gerhard Fouquet und Siegfried Wolffram als Prorektoren, Oliver Herrmann als Kanzler) intensiv mit Problemen befasst, die ein neues Landeshochschulgesetz und die erzwungene Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen mit sich brachten. Schleswig-Holstein leistet sich seit Jahrzehnten mehr Hochschulen, als es solide finanzieren könnte und bemüht sich wegen der wirtschaftlichen Implikationen, diese über die Landesfläche zu verteilen. Die CAU als einzige echte Landesuniversität war und ist dadurch permanent unterfinanziert und in Gefahr, Teile an andere Hochschulen zu verlieren.

„Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen“ (Montesquieu; 1748). Diese wichtige politische Maxime missachtend, entwarf die schwarz-rote Koalition ein neues Hochschulgesetz. Die für die CAU gefährlichsten Planungen, sie mit den Universitäten Lübeck und Flensburg zu einer Landesuniversität zu vereinen und Studiengebühren einzuführen, konnten abgewehrt werden. Andere wie die Abschaffung des Konsistoriums und die Einführung eines (überflüssigen und später gescheiterten) Universitätsrates gemeinsam für Kiel, Flensburg und Lübeck blieben bestehen. Hinter der BA/MA-Einführung stand der politische Wille, die europäischen Studiengänge zu normieren, um den Studienplatzwechsel zu vereinfachen. Letzteres war eigentlich schon mit Einführung des ECTS-Systems (European Credit Transfer System) für die wechselseitige Anerkennung von Lehrveranstaltungen erreicht worden, das die Universitäten selber als sinnvoll erkannt und problemlos eingeführt hatten. Den europäischen Austausch hat die Einführung des BA/MA-Systems dann erheblich behindert, denn sie wurde staatlicherseits mit dem primitiven betriebswirtschaftlichen Bestreben verbunden, den „Output“ an Absolventen bei reduzierten Kosten zu erhöhen. Allen in der Universität war daher klar, wozu diese Umstellung führen würde: Aufgabe gewachsener und bewährter Studienordnungen, Normierung und Verschulung aller Studiengänge nach äußeren Vorgaben, Entindividualisierung der Studienmöglichkeiten, Frustration der wertvollsten weil bildungsbewussten Studierenden, Erhöhung des bürokratischen Aufwandes und Personals auf Kosten der Wissenschaft, Behinderung der Forschung. Dementsprechend wurde sie an der CAU von 7 der 8 Fakultäten abgelehnt.

Es war die schmerzlichsten Erfahrungen meiner Zeit im Rektorat, diese uns aufgezwungene Umstellung wider den Geist des Grundgesetzes (s.o.) mitmachen zu müssen. Erbitterte Proteste der Studierenden waren die Folge, wir hatten sie vorausgesagt. Die Geschichte der Universitäten lehrt indes, dass sich Verschulungs- und Bürokratisierungsphasen unter staatlichem Zwang immer wieder mit solchen relativer Freiheit abgewechselt haben, in denen autonome Gestaltungsspielräume und Rückbesinnung auf die wesentlichen Aufgaben möglich waren. Die eindrucksvollste verbindet sich mit dem Namen Wilhelm von Humboldts. Er und seine Mitgründer haben vorgezeichnet, was und wie Universität sein müsste, damit sie als hochwertigste Bildungseinrichtung die gesellschaftliche Leistung erbringen kann, die eine auf humanen Grundsätzen fundierte Demokratie unbedingt braucht. Dies ist nicht zu vergessen.

Um positiv abzuschließen: Eine ausgesprochen gute Erfahrung meiner Rektoratszeit war die sogenannte Exzellenzinitiative. 2006 hatte die Bundesregierung ca. 1,9 Milliarden Euro ausgelobt, um die sich die Universitäten mit fachübergreifenden Forschungsprojekten bewerben konnten. Die Ausscheidung fand vor internationalen Gutachtergremien statt. Hier kam es darauf an, die Kollegen verschiedener Fächer zur Entwicklung von Forschungsprojekten unter interessanten Rahmenthemen zu motivieren. Dank der großartigen Initiative vieler Einzelner, der wissenschaftlichen Qualität und des guten Innenklimas an der CAU ist dies recht gut gelungen. Seither werden in Kiel 2 Exzellenzcluster und eine Graduiertenschule gefördert. Für mich war es in dieser Phase besonders interessant und beglückend, wenn sich Wissenschaftler verschiedener Fächer disziplinübergreifend über Inhalte und brennende Fragestellungen ihrer Spezialgebiete ausgetauscht haben. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der damals zuständige Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr Dietrich Austermann unsere Projekte großzügigst und zukunftsbezogen finanziell und ideell unterstützt hat, und zwar unabhängig davon, ob wir damit im Bundeswettbewerb gewinnen würden. Zum Glück hatten wir Erfolg.