Ein faszinierender, wunderbarer Mann!

Autor: Hartmut Jokisch

1963 begann ich mein Physikstudium in Kiel. Nach dem Vordiplom suchte ich mir für die Diplomarbeit das renommierte Institut für Reine und Angewandte Kernphysik aus (es existiert heute nicht mehr). Der Ordinarius der Kernphysik führte sein Institut wie ein Patriarch. Er fuhr mit seinen Assistenten und Diplomanden zu Fortbildungsseminaren nach Helgoland oder lud sie alle zu prächtigen Festen in seine große Villa in Düsternbrook ein.

Meine Diplomarbeit fiel in die Zeit der 68-er Studentenbewegung. Ich war davor zwar Studentensprecher der Fachschaft Physik und Mitglied des Studentenparlaments gewesen, konnte mich als Diplomand jetzt aber wegen meiner zeitfressenden physikalischen Messungen im Kernphysik-Bunker in der Wik nicht mehr für Campuspolitik einsetzen.

So war ich wie jeder andere Bürger nur oberflächlich informiert, als die studentischen Proteste bis hin zu Instituts- und Rektorats-Besetzungen eskalierten - sichtbar an großen Spruchbannern an manchen Instituten (nicht an "meinem") und auch am blauen Rektoratshochhaus.

Im Beisein von zwei Kommilitonen treffe ich an der Ohlshausenstraße zu jener Zeit unseren Ordinarius, der uns ziemlich erregt auf die Protestbanner und die Besetzer anspricht: "Sie wissen gar nicht, was da in den Büros und Seminarräumen los ist. Da herrscht Chaos und selbst die Notdurft wird in den Räumen verrichtet!"

Er redet sich zunehmend in Rage und kommt dann zu einer - für mich unvergesslichen - Aussage. Nach seiner damals bei der älteren Generation durchaus üblichen Bemerkung "Im 3. Reich hätte es sowas nicht gegeben!" kommt dieser schreckliche Satz - er unterstreicht ihn noch, in dem er mit leuchtenden Augen seine Hände beschwörend vor sein Gesicht hebt:"Hitler war ein faszinierender, wunderbarer Mann!"

Ich bin fassungslos: Hier demonstrieren Studenten gegen den Muff aus 1000 Jahren und er sagt so etwas öffentlich, 23 Jahre nach dem Kriegsende, nach Holocaust und zig Millionen Toten, die sein geliebter Führer zu verantworten hat. Ich bin wie gelähmt. Feige halte ich meinen Mund - schließlich will ich ja hier noch mein Diplom bekommen. Plötzlich verstehe ich, wieso es im Nazi-Deutschland so wenig Widerstand gab.