Eine Begegnung fürs Leben

Autor: Dr. Klaus Kellmann

Manche Begegnungen prägen einen das ganze Leben. Als ich im Frühjahr 1972 mit dem Studium in Kiel begann, war nicht nur die CAU mit ihren 12000 Studierenden vollständig überlaufen, sondern auch der Wohnungsmarkt in der ganzen Stadt. Ich fand erst weit draußen in Mönkeberg eine Bude für 80 Mark, kalt. Die einzige Öffnung nach draußen war ein kleines bullaugenartiges Fenster, das die Sicht auf eine architektonisch geschmackvolle Villa freigab.

Jeden Morgen, wenn ich zum Fähranleger ging, sah ich durch das Bullauge einen hochaufgeschossenen Mann das Haus verlassen. Als wir das zweite oder dritte Mal auf der Fähre nebeneinander standen, sprach er mich an: „Sie studieren sicherlich“, worauf ich sagte „Ich bin Geschichtsstudent“ und er antwortete „Ich bin Geschichtsprofessor“.

Karl Dietrich Erdmann (1910 – 1990) war Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte an der CAU. Sei seiner Berufung 1953 hatte er keinen geringeren als Golo Mann ausgestochen. 1938 hatte Erdmann seine Frau, in der Nazi-Terminologie eine Halbjüdin, in letzter Minute nach England gebracht. Er war 1966/67 Rektor der CAU, von 1962 bis 1967 Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands, von 1966 bis 1970 Präsident des Deutschen Bildungsrats und damit „heimlicher Bundeskulturminister“, von 1975 bis 1980 als erster Deutscher Präsident des Internationalen Historikerverbandes und damit verantwortlich für die Vorbereitung der Weltversammlung der Historiker 1980 in Bukarest, und 1982 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Kiel.

Schnell waren die gemeinsamen Fahrten mit der Fähre zur Gewohnheit geworden. Manchmal stiegen wir an der Haltestelle Bellevue, manchmal am Landeshaus oder am Schifffahrtsmuseum aus. Immer ging es zu Fuß weiter. Besonders schön war der gemeinsame Marsch durch das wirklich düster wirkende Düsternbrooker Gehölz. Wenn auf dem Blücher Markt war, lud er mich zu Bratwurst oder zu gebratenen Muscheln ein, der absoluten Delikatesse am Platz.

Noch heute bin ich über die Redseligkeit und das Mitteilungsbedürfnis des Ordinarius gegenüber dem Erstsemester erstaunt. Vielleicht lag das auch daran, daß das Ehepaar wegen des „Londoner Exils“ keine Kinder bekommen hatte. Völlig offen erzählte er mir von seinen Freunden und Feinden, von der Creme de la Creme der deutschen Historiker, von Theodor Schieder in Köln, von Werner Conze in Stuttgart und von seinem Intimfeind Fritz Fischer in Hamburg. Später bei der Vorbereitung des Bukarester Kongresses, musste er alle Verhandlungen mit dem Diktator Ceausescu persönlich führen. Noch heute habe ich seine Klage im Ohr, dass sich dessen herrschsüchtige, von niemandem autorisierte, geschweige denn legitimierte Frau Elena wie selbstverständlich dazusetzte – und die letztgültigen Entscheidungen traf.

Die frühe Begegnung mit Erdmann ist für mein ganzes Leben entscheidend gewesen. Als ich 1985 in meine heutige Arbeitsstelle, die Landeszentrale für politische Bildung eintrat, waren vier der dort tätigen fünf Dezernenten – aus drei verschiedenen Parteien – Erdmann-Schüler und hatten bei ihm promoviert. Von daher verstand es sich eigentlich von selbst, daß die Landeszentrale zusammen mit dem Historischen Seminar der CAU am 29. April 2010, Erdmanns 100. Geburtstag, ein Symposium veranstaltete.

Der große Saal der Landesbibliothek platzte aus allen Nähten. Der amtierende Universitätspräsident Gerhard Fouquet wies in seiner Einführungsrede auf Erdmanns Verdienste hin, verschwieg aber auch nicht dessen äußerst ambivalente Haltung im und zum Dritten Reich. Erdmann hatte NS-konform publiziert, behielt andererseits aber seine Beziehungen zur Bekennenden Kirche bis zum Schluß aufrecht. Als ich 1993 erstmals von dieser Doppelrolle erfuhr, war es so, als ob mir ein Teil meines Lebens unter den Füßen weggerissen wurde: Das hatte zu seiner Redseligkeit im Düsternbrooker Gehölz nicht dazugehört.

Inzwischen nach allem, was man über die deutschen Historiker im „Dritten Reich“ weiß, hat sich dieser Schock doch merklich gelegt; Conze begleitete die erste, handverlesene „Himmler-Professur“ an der Universität Posen, Schieder verfasste den „Generalplan Ost“ zur „Entjudung“ Osteuropas und Fischer schickte sich an die „Führungsrolle“ der Historiker unter Hitler zu übernehmen. Stramme NSDAP-, SA- oder SS-Mitglieder waren sie allesamt. Erdmann war nichts von dem. Man mag sein Sowohl-als-Auch beklagen, viel beklagenswerter ist aber, dass an den Universitäten Stuttgart, Köln und Hamburg zur Vergangenheitsaufarbeitung der eigenen Koryphäen bisher wenig geschehen ist. In Kiel hingegen sind die Personen und das Vermächtnis Erdmanns umfassend und kritisch beleuchtet worden.

Ich selbst konnte ihm mit dem „Sammelband“ Geschichte, Politik, Pädagogik, ausgewählte Reden und Schriften, aus Anlaß seines 75. Geburtstages noch zu Lebzeiten ein kleines Dankeschön in die Hand drücken. Als Herausgeber fungierten zusammen mit mir sein Lehrstuhlnachfolger Michael Salewski und Gerhard Stoltenberg. Stoltenberg war 1953 Erdmanns dritter Doktorand gewesen.

Ich war 1982 sein letzter.