Horizonte, Historizität und Heimatkunde

Autor: Daniel Ahlers

Kiel. Schleswig-Holstein. Plattes Land von zwei Meeren gleichmütig gerahmt.

Wer hier aufwächst, weiß wohl, was Weite heißt. Offiziell ist dies das Land der Horizonte. Wer hier Urlaub macht, glaubt kaum, was der ein oder andere Einheimische felsenfest propagiert. Horizonte? Weite?

Viele, die hier nicht dauerhaft leben, sehen nur die grauen Wolken, den Nieselregen und falls überhaupt einen eher begrenzten Horizont von eingefleischten Kielern, die das Ganze Unglück stoisch und stumm ertragen, ja vielleicht sogar ein bisschen genießen.

Doch es gibt diese Momente, an denen man von der Kiellinie zwischen der Gorch-Fock und dem historisch etwas zweifelhaften Laboer Ehrendenkmal hinaus in die Welt schauen kann. Wer das einmal erlebt, der weiß, dass wir nicht gelogen haben. Und wenn doch, dann nur ein wenig.

Kiel ist eine schöne Stadt. Es lohnt sich, den ersten Eindruck zu überwinden und wer erst einmal eine Sahneseite unserer Stadt entdeckt hat, der findet auch noch viele weitere. Manche finden sogar eine neue, zweite oder zumindest dritte Heimat irgendwo zwischen Mettenhof und Kanal.

Der beständige Wind hält hier alles in Bewegung. Das Gute und das Schlechte dieser Stadt, aber vor allem die Frisur und hoffentlich auch das, was sich darunter an Geist verbirgt. Wer uns beschuldigt, wir seien kühl hier oben, mag Recht haben. Vielleicht liegt es ja am eher arktischen Klima.

Meiner Meinung nach ist unsere Mentalität jedoch simpler Ausdruck unserer Zufriedenheit. Wir haben doch alles, was man so braucht: Bildhübsche Strände, die aufgrund von Regen, Schnee oder Sturm maximal zwei Wochen im Jahr benutzbar sind. Einen Bahnhof, an dem - irgendwie symbolisch - sämtliche Gleise enden, sodass man seine Haltestelle eigentlich nie verpasst, aber auch nie wirklich weiter kommt.

Dazu gibt es mindestens zwei brauchbare Kinos, ein bald abgerissenes Freibad, das eh nie mit dem unbenutzbaren Stränden konkurrieren konnte und eine weltberühmte Segelveranstaltung, bei der fast niemand weiß, dass tatsächlich auch gesegelt wird. Dafür kommen so wenigstens einmal im Jahr die Stars und Sternchen der internationalen Musikszene nach Kiel. Eigentlich sind es ja, wenn überhaupt, Glühwürmchen. Und als international lassen wir in dem Rahmen denn auch Bredstedt oder Satrup durchgehen.

Ein wichtiger Aspekt Kiels fehlt übrigens noch: Vielleicht fällt es in erster Linie den Menschen auf, die im Rahmen ihres Verlangens nach universitärer Bildung zuziehen. Kiel ist eine Studentenstadt. Jedenfalls sagt man das so.

Zunächst hieß das für mich beim Erwachsenwerden: ständige Lebensgefahr auf allen Radwegen, egal ob man selbst mit Füßen, mit dem Fahrrad oder rollbrettartig unterwegs ist. Ab Anfang Mai kann man denn zitternde Jungerwachsene beobachten, die unter Pavillons und Plastikplanen hoffnungslose Grillversuche beim letzten Schneefall des Jahres im Schrevenpark unternehmen. Außerdem herrscht mindestens viermal jährlich Biernotstand in allen Kieler Supermärkten, nämlich dann, wenn die Prüfungen durch sind und dann in aller Regel erneut, wenn die Ergebnisse da sind.

Irgendwann selbst einmal zu dieser Gemeinschaft der Hochschulelite zu gehören schien für mich eigentlich nie zielführend oder erstrebenswert zu sein. Und doch studiere ich seit 2012 ebenfalls an der CAU zu Kiel und nenne mich - mal mehr, mal weniger stolz - einen echten CAUboy.

Trotzdem habe ich nie die Bindung zum einfachen Volk verloren und bin deshalb zu einem halbkompetenten Vermittler zwischen den Welten herangewachsen. Ich sehe, wie die Universität nicht nur die Leben der Studierenden, sondern auch die der Kieler beeinflusst und – wie ich es als angehender Wirtschaftswissenschaftler ausdrücken sollte – sie miteinander in meist fruchtbare bzw. beidseitig gewinnbringende Interdependenzrelationen setzt.

Die Verbindung zur Universität wird im Freundeskreis besonders dann spürbar, wenn das neue Semester wieder eine gehörige Menge neues und interessantes Menschenmaterial aus der gesamten Bundesrepublik in unseren Hafen und an unsere Strände spült. Die Momente, in denen die ein oder andere private Stadtführung für Erstsemester in den Schlafzimmern dieser Stadt endet, sind kein schmutziger Gedanke, sondern eine Bereicherung für uns und auch für diejenigen, die sich davon überzeugen lassen wollen, dass der Norden nicht nur kühl kann.

Viele Aspekte des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens dieser Stadt sowie des ganzen Bundeslandes sind sicherlich durch die Universität zu Kiel positiv beeinflusst. Das ist gut und wichtig. Darüber sollen aber diejenigen schreiben, die etwas davon verstehen und damit ihr Geld verdienen. Oder man verspricht mir eine zufriedenstellende Menge an Credit-Points dafür. A propros Credit-Points: Natürlich gibt es auch viel Streitbares an der Universität. Personelles, Inhaltliches und sicherlich diverse Aspekte der Organisation sind weder im Sinne der Studenten noch im Sinne der sonstigen direkt Beteiligten sowie der Umwelt der Uni gelöst.

Mir ist es aber an dieser Stelle wichtig, deutlich zu machen, wo uns die Uni persönlich berührt - egal ob Student/in, Mitarbeiter/in, Professor/in oder nicht. Damit meine ich nicht den erzwungenen Körperkontakt auf so ziemlich allen Kieler Buslinien; verursacht durch eine bienenstockgleiche Masse noch um 13:00 Uhr schlaftrunkener Studis. Denn auch oder gerade dann, wenn wir es vielleicht gar nicht merken, sind der Campus und seine Kinder Einflussfaktor Nummer eins in dieser Stadt.

Freundschaften, die über das Studium hinausgehen und uns an Orte bringen, die so ganz anders sind als Kiel, entstehen. In der Fachsprache: Austauschbeziehungen aller Arten werden durch die Universität gefördert und forciert. Vernetzung in Gesellschaft und sozialem Umfeld prägen den Menschen nachhaltig. Welche Institution kann mehr prägen als die, in der man einen großen Teil seiner Zeit verbringt (zumindest im studentischen Optimalfall, der zugegebenermaßen recht unwahrscheinlich daherkommt)? Die CAU prägt uns alle, weil sie uns Sichtweisen und konkrete Möglichkeiten des informellen und des persönlichen Austausches eröffnet. Egal, ob im Seminarraum oder anschließend in der Kneipe. Ebenfalls das Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden setzt meiner Meinung nach in Kiel Maßstäbe, egal ob im Seminarraum oder in der Kneipe.

Ich persönlich profitiere (fast) jeden Tag von der CAU, da sie mir meine Frau in die Arme getrieben hat. Zugegeben, den Großteil der Arbeit im Rahmen des persönlichen Kennen- und Liebenlernens musste ich schon selbst machen. Aber ich wäre ja nie auf die Idee gekommen, nach Salzgitter zu fahren und da am letzten Haus am Dorfrand zu klingeln und nach meiner Traumfrau zu fragen. Da musste schon die Universität mit ihren zulassungsfreien Studiengängen und den feucht fröhlichen Semesterpartys einspringen, um sie aus den tiefsten Tiefen der niedersächsischen Provinz zu mir an die Küste zu locken. Das hat die CAU fein hinbekommen. Wenn diese Institution – und das im wahrsten Sinne des Wortes – es jetzt auch noch fertigbringt mich durch mein Studium zu führen, um meine spätere Berufsqualifikation zu erreichen, hat sie mein Leben entscheidend mitgestaltet. Dafür und für alle anderen Annehmlichkeiten möchte ich in meinem Namen und dem meiner Freunde und Bekannten, egal ob Student oder nicht, mal kurz danke sagen.

Kiel ist eine gute Sache und die CAU gehört dazu. Oder andersherum, Ich bin hier geboren; für mich ist die Universität ein Teil meines Alltags. Natürlich ist mein Alltagsempfinden kein unbedingter Maßstab für 350 Jahre Tradition. Nebenbei studiere ich aber glücklicherweise auch noch Geschichte und kann mir deshalb vielleicht besser als manch anderer vorstellen, was 350 Jahre Universitätsgeschichte bedeuten. In den letzten dreieinhalb Jahrhunderten ist recht viel passiert, was wohl auch dem Nicht-Historiker einleuchtet. Technischer Fortschritt, zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch dunkle und kriegerische Zeiten sind nicht spurlos an der Universität und ihrer Lehre vorbeigegangen. Wer mehr darüber erfahren will, sollte sich flugs einschreiben. Schließlich ist der Studiengang Geschichte bei uns zulassungsfrei.

Bei aller angeführten Kritik, die wohl auch immer angebracht ist, soll diese kurze Geschichte zeigen, dass 350 Jahre Geschichte der CAU zu Kiel auch meine jetzt 28 Lebensjahre beeinflusst und bereichert haben. Wie steht’s so mit euch?

In diesem Sinne geht mein Dank an alle Studenten, Dozenten, und Mitarbeiter der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und natürlich danke ich auch allen Kieler Kneipenbesitzern und wenn es sein muss sogar den Betreibern des Freibades Katzheide. Abschließend noch ein Appell an die CAU selbst: Gönn dir gerne noch mal 350 Jahre, aber sanier dich mal wieder!

Am Wasser daheim: Der Autor in den Flitterwochen.