Ich war ein Grauer Panther

Autor: Dr. Uwe Carstens

Die Definition einer Hochschulgruppe ist denkbar einfach: Hochschulgruppe ist, wer sich so nennt! Natürlich macht es nur an einer Hochschule Sinn, in einer Hochschulgruppe zu sein – zumindest überwiegend. Da ich im Laufe meines Studiums an der CAU engagierter Fachschaftler (Fachschaft Politikwissenschaft) war, fiel es insgesamt nicht schwer, einer Hochschulgruppe beizutreten. Aber welcher?

Diese Entscheidung wurde mir durch eine Einladung von Stephan Krukowska, den ich als Kommilitone kannte, außerordentlich erleichtert. Im Oktober 1988 erhielt ich – und eine ganze Reihe anderer – eine Einladung, deren Überschrift interessanterweise in Sütterlin-Schrift verfasst war. Unter dem Motto „ein Examen will gut abgehangen sein“ sollte am 15. November um 20 Uhr im trefflichen „Oma Plüsch“ im Jungfernstieg 27a eine neue Hochschulgruppe ins Leben gerufen werden: „Die Grauen Panther / Langzeitstudenten“.

Weder der Name noch der Zeitpunkt waren Zufall. Der Name war Programm und der Zeitpunkt zielte auf die am 24.1.1989 stattfindenden Wahlen zum Studentenparlament der CAU. Aber so einfach war der Zugang zu den „Grauen Panthern“ nun auch wieder nicht. Der Numerus Clausus bestand in der Semesterzahl: „Nur wer im lfd. WS mindestens 15 Semester“ aufweisen konnte, sollte dieser alleine schon dadurch elitären Truppe angehören dürfen. Da für mich schon immer der Weg das Ziel war, konnte ich diese Hürde spielend überwinden.

Der Abend kam, Oma Plüsch war voll, die HSG wurde gegründet und der Wirt Jürgen Lilge kam mit dem „Bedienen“ kaum nach. Stephan wurde Vorsitzender – einen Besseren hätten wir nicht finden können. In der Gründungsurkunde heißt es u.a. „Wenn es im Verlaufe der Menschheitsgeschichte für Studenten notwendig wird, eine Vereinigung für Längerstudierende zu gründen, um somit eine gleichberechtigte Stellung unter den Mächtigen der Alma Mater einzunehmen, dann erfordert die sich ziemende Rücksicht, dass sie diese Notwendigkeit darstellen.“ Und schließlich die Schlusserklärung: „Und dies nehmt zum Zeichen: Die „Grauen Panther“ werden die – ob der langen Studiendauer – Mühseligen und Beladenen in ihren Kreis aufnehmen, auf dass sie dermal einst – wenn sie ihr bemoostes Haupt auf kühlem Grunde betten – noch mit brechendem Blick und ersterbender Stimme flüstern: „Ich war dabei!“

Was nach der Gründung folgte würde man heute wohl einen Hype nennen. Kaum eine Zeitung der Republik konnte es sich erlauben, nicht über die Panther zu berichten („Die Zeit“ widmete uns nicht nur eine halbe Seite (was hätte das als „Werbefläche“ gekostet!), auch ein großflächiges Bild zeigte die – wie es hieß „Selbstbewussten Panther“. Stephan tourte durch sämtliche Talkshows und selbst Wolfgang Menge von „III nach 9“ staunte über unser Motto „Alle Macht den Späten“. Dass die Stupa-Wahlen 1989 nur noch eine Formsache war, versteht sich von selbst. Die KN schrieb (26.1.1989): „Mit 595 Semestern im Ziel: Altstudenten sind Wahlgewinner – Uni-Wahlen endeten mit „sensationellen Ergebnis“. Ich will nicht verschweigen, dass die Jusos noch einen Tick besser waren, aber das wurde bei der nächsten Wahl korrigiert. Die Panther wiesen die Jusos (22,9%) mit 25,7% auf die Plätze. Wieder ein martialischer Titel der KN vom 10.2.1990:“ Die Panther sprangen auf Platz 1“. So musste für diesen Sensationssieg der „Panthersprung nach Agadir“ (1911) der zweiten Marokkokrise herhalten.

Es wäre jetzt ein Leichtes, die nächsten 20 Seiten mit weiteren Abenteuern der „Grauen Panther“ zu füllen. Z.B. der „Kampf“ mit der Vorsitzenden vom „Seniorenschutzbund Graue Panther“ Gertrud „Trude“ Unruh um den HSG Namen „Graue Panther“ (O-Ton: „Sollen sie sich doch blaue Mäuse nennen!“), die Filmaufnahmen mit dem NDR III Team „Extra III“, die Einführung des Begrüßungsgeldes (wurde später kopiert, allerdings mit anderen Summen). Wir zahlten den Erstsemestern 1 Pfennig. Aber alles dies sollte einer „Graue Panther Retrospektive“ vorbehalten bleiben.

Wie heißt es doch so schön in der dritten Strophe des Gedichtes „Die Grauen Panther der CAU“:
„Wir Alten – wir sind blitzgescheit,
kernfest und auf die Dauer,
studierten wir noch hundert Jahr,
wir würden doch nicht schlauer.“

Dr. Uwe Carstens

Gründung der „Grauen Panther“ 1988 im „Oma Plüsch“

Frühstück in der Mensa nach dem Wahlsieg 1990