Mein Kampf um den Erhalt der Lehrerbildung in Kiel

Autor: Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Winfried Ulrich

Die zurzeit mal wieder sehr aktuelle Auseinandersetzung zwischen den beiden Lehrerbildungsstandorten in Schleswig-Holstein, den Universitäten in Kiel und Flensburg um die Zuständigkeit für die Lehrerbildung des Landes hat eine lange Vorgeschichte, die ich aus Anlass ihrer 350-Jahr-Feier als meine Erfahrung mit der Christian-Albrechts-Universität in Erinnerung rufen möchte.

In den Jahren 1990 bis 1993 war ich Rektor der damaligen Pädagogischen Hochschule Kiel. Damals hatte die Pädagogische Hochschule Flensburg wieder einmal zu wenig Studenten (im WS 1990/91 nur 663), sollte aber aus der Sicht der Landesregierung aus regionalpolitischen Gründen unbedingt erhalten werden. Also plante die zuständige Ministerin Marianne Tidick, die Kieler PH am Standort Flensburg mit der dortigen PH zusammenzulegen und auf diese Weise das Studium für die Lehrämter an Grund- und Hauptschulen, an Sonderschulen und an Realschulen (dieses nur teilweise) in Flensburg in einer auszubauenden vorbildlich ausgestatteten Bildungswissenschaftlichen Universität zu konzentrieren. Es bedurfte gewaltiger Anstrengungen seitens des Rektorats und des Senats der PH Kiel, aber auch der Unterstützung durch viele gesellschaftlich relevante Kräfte des Landes, um zu erreichen, dass Landesregierung und Landtag von der hochschulpolitischen und finanzpolitischen Sinnlosigkeit des Plans überzeugt wurden und die Ministerin im Kabinett überstimmt wurde.

Von ausschlaggebender Bedeutung war in diesem Zusammenhang die Stellungnahme der CAU. Als Rektor der PH hatte ich wie schon mein Vorgänger im Amt, der Kollege Helmut Dahncke, regelmäßig Gespräche mit dem Rektorat der Universität geführt und dabei auch die Möglichkeit einer Integration der PH Kiel in die Universität erörtert. Auch hatte die PH seit Jahren in alle Berufungsausschüsse freiwillig einen Fachkollegen der CAU hinzugebeten, sodass die meisten Professoren der PH quasi von der CAU „mitberufen“ worden waren. So kam es, dass die Universität sich am 25. Juni 1991 durch Senatsbeschluss bereit erklärte, die PH Kiel als Erziehungswissenschaftliche Fakultät aufzunehmen. Das war die überzeugende Alternative, die dann auch politisch durchgesetzt wurde, zunächst in Form eines Kooperationsvertrags zwischen beiden Hochschulen (gegenseitige Öffnung der Lehrveranstaltungen und Anerkennung der Studienleistungen) im Juli 1992, dann in Form der Integration als Fakultät zum 1. April 1994.

Der lange Kampf im politischen Raum mit vielen Gesprächen, Positionspapieren zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung, mit Beschlüssen, Aufrufen, Zeitungsartikeln und Zeitungsanzeigen – etwa der von mir initiierte und von Vertretern der Wirtschaft, vom Kieler Oberbürgermeister, vom Landesvorsitzenden der GEW unterzeichnete Appell der „Gesellschaft zur Förderung der Pädagogischen Hochschule Kiel“ in den Kieler Nachrichten am 2. Februar 1991 – hatte sich ausgezahlt.

Die neue EWF der CAU hatte einen guten Start und entwickelte sich hervorragend. Leider ließ jedoch die nächste Flensburger Krise mit geringen Studentenzahlen nicht lange auf sich warten. Und dies fiel zeitlich zusammen mit einer zunehmenden Finanznot des Landes und geforderten Einsparungen im Personalbereich der CAU von 25 Stellen. Ich war 1997 und 1998 Dekan der EWF, als es erneut darum ging, die Lehrerbildung in Kiel gegen starke Einschnitte zu verteidigen. Offenbar musste ich mir immer gerade Amtszeiten aussuchen, in denen die Existenz der Einrichtung bedroht war. Diesmal ging es aber nicht um die Schließung einer ganzen Hochschule, sondern „nur“ um die einer Fakultät. Unterstützer im Kampf waren deshalb schwerer zu gewinnen, als die Landesregierung erwog, die Ausbildung von Grund- und Hauptschullehrern nur noch in Flensburg anzubieten.

Die Hochschule in Flensburg musste aus regionalpolitischen Gründen gerettet werden, also Studenten zugeführt bekommen. Ich musste bald erkennen, dass mein Kampf gegen eine Verlagerung der Studiengänge aussichtlos war. Dazu trug auch die Haltung der Gremien der CAU bei: Das Rektorat ließ mich als Dekan zwar für den Erhalt möglichst vieler Stellen und die Überführung möglichst weniger Stellen nach Flensburg streiten, setzte aber selbst dem Abzug der Studiengänge kaum Widerstand entgegen. Einerseits stand man den „Kurzstudiengängen“ Grund- und Hauptschullehramt ohnehin als nicht vollakademisch skeptisch gegenüber und ließ sie nicht ungern ziehen, andererseits konnte man bei Auflösung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät – der Fakultätsstatus war bei einer Reduzierung auf den Realschullehramtsstudiengang kaum zu halten – leichter der Stellenstreichungsforderung nachkommen und die Fakultät als Steinbruch benutzen. Hier nicht rechtzeitig Widerstand gegenüber den Plänen der Landesregierung geleistet zu haben, war aus meiner Sicht der „Lehrerbildungs-Sündenfall“ der CAU, der später noch Folgen haben sollte und vielleicht in Zukunft noch haben wird.

Ergebnis war jedenfalls, dass die florierende EWF aufgelöst wurde, dass einige Stellen nach Flensburg abgegeben, andere gestrichen wurden, im Übrigen aber der größte Teil des Personals und der Einrichtungen der Fakultät in einer Fach-zu-Fach-Zuordnung in die anderen Fakultäten übernommen wurden. Ich selbst wurde einer der Direktoren des Germanistischen Seminars der Philosophischen Fakultät, wurde dort sehr kollegial aufgenommen und blieb in dieser Position bis zum Eintritt in den Ruhestand 2006, als Wissenschaftlicher Leiter der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft sogar darüber hinaus der CAU auf engste verbunden.

Gekrönt wurde diese Beziehung durch die Verleihung der Universitätsmedaille, auf die ich sehr stolz bin. Im Blick auf meine persönlichen Arbeitsmöglichkeiten war die Entwicklung insgesamt sehr positiv. Hat aber auch die Lehrerbildung unseres Landes davon profitiert? Ich denke: nein!

Das zeigte sich, als Flensburg zum dritten Mal Auslastungsprobleme hatte und es nun um die Realschullehramtsstudenten ging. Ich war bereits nicht mehr im aktiven Dienst, als die CAU auch diesen Studiengang ohne große Gegenwehr ziehen ließ und sich damit zufrieden gab, sich ganz auf das Gymnasiallehramt zu konzentrieren. Spätestens damals hätte man in der CAU die „Salamitaktik“ durchschauen müssen, die hinter diesem erneuten Aderlass steckte.

Ich will meine „Geschichte“ mit meinen persönlichen Erfahrungen mit der CAU nicht ohne einen Blick auf Gegenwart und befürchtete Zukunft beenden. 2014, ein Jahr vor dem großen Jubiläum, hat die Landesregierung beschlossen, im Rahmen einer Reform der Lehrerbildung die Ausbildung zum Gymnasiallehrer zugunsten einer Stufenlehrerausbildung aufzugeben und der Universität Flensburg in einer Reihe von Fächern erstmals die Ausbildung von Lehrern der Sekundarstufe II zu ermöglichen. Der Widerstand der CAU war zunächst beklagenswert mau („Konkurrenz belebt das Geschäft“), erst dann allmählich stärker, aber immer noch kompromissbereit. Auch dies ist nach meiner Erfahrung ein Fehler. Bei konsequenter, massiver und offensiv vorgetragener Ablehnung aller Studiengänge in Flensburg, die Lehrer mit der Lehrbefähigung bis zum Abitur betreffen, und bei öffentlicher Erläuterung der Folgen ihrer Etablierung für die Landesuniversität hätte man vermutlich so starke Proteste in der Bevölkerung hervorrufen können, dass die Landesregierung vor diesem Schritt zurückgeschreckt wäre. Dafür ist es jetzt zu spät. Jetzt wird in Flensburg massiv in den Ausbau der Hochschule investiert. Was aber wird geschehen, wenn in Flensburg trotz hoher Investitionen des Landes die Studenten ausbleiben und lieber in der Volluniversität Kiel studieren? Es läge in der Kontinuität der bisherigen Entwicklung, wenn dann aus regionalpolitischen Gründen in einem letzten Schritt die gesamte Lehrerbildung in Flensburg konzentriert werden würde. Das wäre für die Qualität der Lehrerbildung, aber auch für die Strukturen unserer Jubiläumsuniversität verheerend.

Hoffen wir, dass diese Befürchtungen nicht eintreffen, und wünschen wir unserer Alma mater mit ihren lehrerbildenden Fakultäten eine glückliche Zukunft!

Kiel, 4. August 2014
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Winfried Ulrich
Germanistisches Seminar der CAU