Nach der Währungsreform wurde es besser

Autor: Dr. jur. Bernd Hartwig

Bericht über meine Studienzeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (1946 – 1949)

Meinem Studienbuch ist zu entnehmen, daß das Wintersemester 1946/47 am 1. November 1946 begann. Das Studienbuch gibt auch Auskunft darüber, welche Vorlesungen ich als Jurastudent im ersten Semester belegt habe. Es waren dies neben der Einführung in die Rechtswissenschaft (Prof. Schröder), dem Allgemeinen Teil des bürgerlichen Rechts (Prof. Dulckeit) und der Allgemeinen Staatslehre (Prof. Schoenborn) die Einführung in die Wirtschaftswissenschaften (Prof. Schneider) und die Allgemeine Volkswirtschaftslehre (Prof. Mackenroth). Am Ende des Semesters hatte ich für Aufnahmegebühr (30,-), Unterrichtsgeld (66,-) Studiengebühr (80,-) und Wohlfahrtsgebühr (30,-) einen Betrag von 206,- Reichsmark an die Universitätsquästur zu zahlen.

Der Winter 1946/47 war hart. Zur Lebensmittelknappheit, fehlender Bekleidung und Mangel an Gegenständen des täglichen Bedarfs kam eine lang andauernde Kälte mit Temperaturen von 15 bis 20 Grad unter Null, was zu einem Zusammenbruch der Hausbrandversorgung führte.

Ein weiteres Problem war die große Wohnungsnot in Kiel. Als Folge der alliierten Luftangriffe lagen große Teile der Stadt in Schutt und Asche. Mir wurde von der zuständigen Stelle ein Zimmer in einer Wohnung in der Eckernförder Straße zugewiesen, daß ich mit zwei weiteren Studenten zu teilen hatte. Da es auch noch den Wohnungsinhaber mit Frau und Tochter gab, war es schwierig, in der Küche oder im Bad einen Platz zu finden.

Neben den Pflichtvorlesungen für Juristen hatte ich Vorlesungen zur Geschichte belegt. Dabei denke ich gern an Professor Schoenborn zurück. Seine Vorlesungen zur Deutschen Außenpolitik von 1871 – 1919, zur Politischen Geschichte Europas seit 1815 und zur Entstehung und Entwicklung des 1. Weltkrieges haben mir sehr viel gegeben, wobei anzuerkennen ist, daß die Britische Militärregierung, die ja die Kontrolle über die Universität ausübte, den Professoren in ihrer Darstellung freie Hand ließ.

Da ich in Lübeck beheimatet war, fuhr ich zum Wochenende nach Hause. Die völlig überfüllten Züge benötigten mehr als drei Stunden für die Fahrt (heute 85 Minuten), und wenn ich wieder nach Kiel zurückfuhr, war der Rucksack mit lebensnotwendigen Gütern gefüllt: Zuunterst Briketts (zum Heizen des Küchenherdes), darüber Kartoffeln (für eine warme Mahlzeit), alles unverpackt, denn Verpackungsmaterial gab es nicht.

1947 herrschte in der Mensa große Freude, als die Studenten als Sonderration eine dicke Scheibe Schinkenspeck zusammen mit einem übergroßen Brötchen erhielten. Es war ein Geschenk der Mennoniten aus Amerika. Die Ernährungslage war nach wie vor sehr schlecht und erfuhr erst im nächsten Jahr eine fühlbare Verbesserung als am 20. Juni 1948 in den Westzonen die Währungsreform durchgeführt wurde (Abwertung der Reichsmark im Verhältnis 10 : 1).

In meiner Studienzeit waren die männlichen Studenten in der Überzahl. Fast alle waren im Krieg gewesen und trugen oft noch ihre umgearbeitete ehemalige Uniform. Weibliche Studenten stellten eine Minderheit dar, dies galt vor allem für die Juristische Fakultät. Ich kann mich noch gut an drei Studentinnen erinnern, die immer zu Dritt unsere Vorlesungen besuchten. Wir nannten sie – wenig charmant – das „Dackel-Geschwader“ und belegten die Füllige unter ihnen mit dem Attribut „Bassgeige“. Verständlich, daß sich die drei Damen in unser rauhen Männerwelt nicht sonderlich wohlfühlten.

Im 1. November 1949, also nach genau drei Jahren, war mein Studium beendet (die erste juristische Staatsprüfung fand am 9. August 1950 statt). In diesen drei Jahren wurde mir unter zum Teil miserablen Bedingungen eine vorbildliche Ausbildung zuteil, für die ich der Universität bis heute dankbar bin. Die Verbindung zur Alma Mater ist geblieben. Am 23. März 1955 wurde ich in Kiel promoviert und seit dem 13. Oktober 1990 bin ich Mitglied des Vereins Kieler doctores iuris.