Studienreisen in die DDR

Autor: Michael Gut

Nicht nur die Christian-Albrechts-Universität feiert dieses Jahr ihr Jubiläum. Zeitgleich begehen wir auch das 1. Vierteljahrhundert eines wiedervereinigten Deutschlands. An die sagenhaften, immer wundersamen Studienreisen des Historischen Seminars in die Länder der ehemaligen DDR möchte ich hier erinnern. Zuversichtlich in der Hoffnung, ein wenig von der Atmosphäre jener Zeit eingefangen und aufbewahrt zu haben und weitergeben zu können an jene heute studierenden jungen Kommilitoninnen und Kommilitonen, denen diese skurrilen historischen Erlebnisse auf immer versagt bleiben müssen.

All jene Reisen in die Deutsche „Demokratische Republik“, die bis zur letzten Studienfahrt im Sommer 1990 organisiert und veranstaltet wurden, fanden unter der Obhut des unermüdlichen Brückenbauers Herrn Prof. Dr. Helmut Grieser im Rahmen seiner Lehre zur Neueren Deutschen Geschichte statt. Ziel war nicht nur die Entdeckung der Alltagswirklichkeit der Menschen in der DDR sondern auch der Versuch einer Erweckung geschichtsgebundener Heimatgefühle für die grenzfernen ostdeutschen Länder. Es galt Brücken zu bauen für die Zukunft einer wann auch immer zu erwartenden deutschen Einheit über den ersehnten Weg einer Konföderation zweier deutscher Staaten.

Die Planung einer Reise in die ostdeutschen Länder begann regelmäßig ungefähr ein Jahr vor Reiseantritt mit der Findung eines Mottos im Rahmen historischer Forschung. Denn ohne begründetes Begehren auch keine Einreise in die DDR. Mal eben so hinüber – und wenn dann nur für Stunden – konnten Westdeutsche allein in Berlin. Ein Erleben der ländlichen Regionen war daher jenen Deutschen vorbehalten, die irgendwo in jenem „fernen Land“ auf nahe Verwandtschaft verweisen konnten.

Beispielhaft seien deshalb hier Leitthemen genannt, die uns nach Genehmigung für eine Woche reisen ließen: „Auf Luthers Spuren“, „Stätten der Deutschen Klassik“, „Die Wettiner nach Friedrich August I.“ oder „Die Freiheitskriege Preußens und E. M. Arndt“. Nach Abgabe einer Wunschliste zu besuchender Stätten unter dem jeweiligen Motto erhielten wir Antragsteller ungefähr eine Woche vor Antritt der geplanten Reise die Genehmigung zur Einreise in die DDR. Diese kurzfristig zugestellte Einreiseerlaubnis von Hansatourist für einen busvoll Studenten sollte konspirative Treffen mit Bürgern der DDR verhindern helfen. Denn in den Hochzeiten der Briefpost vergingen Tage bis Wochen eines papierenen Hin und Her. Damals herrschte noch geruhsame Gemütlichkeit zwischen Briefverfassung und -erhalt. Der Grenzübertritt und auch -austritt war damit vorherbestimmt. Mit guter Vorbereitung auf die kommende Grenzerfahrung – immer schön mit ernster Miene und einer Portion Glück – dauerte dann die Kontrolle der ca. 50 Personalausweise inklusive aller zeremoniellen Formalitäten nur 30 – 40 Minuten. Nach einem Gekicher jener Studenten in der letzten Bank (des Busses) standen wir allerdings auch mal länger unter argwöhnischer Beobachtung der Uniformierten hinterm Schlagbaum, ohne uns vom Platz rühren zu dürfen. Der Grenzposten unterbrach seine Gesichtskontrolle mit den Worten: „Wenn wir das alles so spaßig fänden, wolle er uns die Freude auch nicht verderben. Er käme dann wieder, wenn wir uns genug gefreut hätten“. Nach knappen 4 Stunden erlöste er uns dann von unserem Freudentaumel.

Der erste Anlaufpunkt nach der Grenze war ebenso vorherbestimmt und in den Reiseunterlagen ausgewiesen. Er diente der Aufnahme von zwei Begleitpersonen, die fortan für eine Woche nicht von unserer Seite wichen und vermutlich nachts fleißig ihre Berichte schrieben. Sie entkamen für gewöhnlich für diesen Zeitraum einem ostdeutschen Campus und kannten sich vor unserer Begegnung so wenig wie wir sie.

Die Meldung bei der Volkspolizei an unserem ersten Aufenthaltsort war obligatorisch. Doch ehe wir dort hin gelangten, fuhren wir schon staunend in angemessenem Tempo über altehrwürdige, holprige, gepflasterte Alleenstraßen, die hier noch nicht wie im Westen einem geschwindigkeitsschuldigem Ausbau zum Opfer gefallen waren. Die Bürger der DDR ertrugen die gemächlichen Überlandfahrten mit spottigem Humor und behaupteten, bei den ihnen zur Verfügung stehenden Automobilen auch keine besseren Pisten zu benötigen.

Als Teilnehmer einer Studienfahrt waren wir vom Eintrittsgeld, rsp. Zwangsumtausch befreit. Unsere Begleitpersonen waren in Personalunion auch Bänker und tauschten 1:1 die DM in Mark. Die Einfuhr von Mark der DDR war bekanntlich strengstens verboten, obwohl dies Geld in westdeutschen Banken sehr wohl zu einem Umtauschkurs von bis zu 1:5 illegal besorgt werden konnte. Dieses günstige Umtauschverhältnis war auch bei Tausch auf der Straße in Ostdeutschland zu erzielen, nur konnte man dabei durchaus auch an einen Lockvogel der Stasi – mit unerfreulichen Folgen – geraten. Sehr zum Leidwesen der Bürger, die keine Verwandtschaft im Westen hatten und die ihnen ein paar „Adler“ zukommen lassen konnten. Denn nur mit DM war es ihnen möglich, in einem mit verführerischen Westwaren bestückten „Intershop“ einkaufen zu gehen. Dennoch konnte nicht verhindert werden, dass mancher arme Student dem reizvollen Währungstausch erlag und kurzfristig zum Krösus auf Zeit mutierte. Allerdings ohne wirklich die Gelegenheit zu entdecken, diejenigen verführerischen Waren zu finden, die ein oberflächliche Glück des kurzlebigen Habens begründen.

Apropos Einkaufen: die vielbeschworenen Schlangen vor den Geschäften, die angeblich die sozialistische Mangelwirtschaft bewiesen, hatten tatsächlich einen ganz anderen Grund. In jedem Geschäft gab es im Eingangsbereich Einkaufskörbe oder -wagen, ohne die ein Geschäft nicht betreten werden durfte. Da diese je nach Art und Größe des Ladens abgezählt waren, um den Überblick der Angestellten über die Kundschaft zu bewahren, reihten sich die Einkaufswilligen notgedrungen in die Warteschlangen ein.

Als ahnungsloser Wessi musste man sich übrigens nicht zu erkennen geben, die Ostdeutschen hatten einen untrüglichen Blick für die Herkunft des Menschen auf ihrem Trottoir. Wir outeten uns dennoch, als wir in einem kleinen Trupp durchgefrorener Seminaristen in ein Café flüchteten, um uns sowohl von außen als auch von innen ein wenig aufzuwärmen. Wir saßen vielleicht ein Viertelstündchen, ehe ich die vorbeihuschende Bedienkraft bat, unsere Bestellung aufzunehmen. Sie lehnte empört ab mit der Entgegnung, dass nur bedient würde, wer auch platziert worden sei, nicht frech einfach hereinschneie und dann auch noch die Jacke über die Stuhllehne hänge. Sie lehnte sogar ab, als wir die Wiederholung der Szene anboten und im 2. Versuch artig am Eingang auf sie warten wollten. Uns blieb nichts anderes übrig, als das Café zornig un- und bedient wieder zu verlassen. Eine einmalige Erfahrung die der Tatsache geschuldet war, dass die Menschen der DDR einem Motto gemäß lebten, welches da lautete: „Der Staat tut so, als ob er uns bezahlt – wir tun so, als ob wir arbeiten“.

Für gewöhnlich wohnten wir auf unseren Studienreisen in Jugendherbergen oder Jugendtouristhotels und wurden unterwegs in öffentlichen Gasthäusern verköstigt. Erstaunlich war im Winter der nahezu alltägliche Schweinebraten (man musste sich nicht ständig umstellen) mit Rotkohl und Sättigungsbeilage (i. d. R. Kartoffeln) und im Sommer Schweinebraten mit Erbsen, Karotten und Sättigungsbeilage. Ganz selten nur gab es Abweichungen von diesem oktroyierten Speiseplan und wir durften – die Überraschung war überwältigend – einen Goldbroiler (halber Hahn aus der Friteuse) mit Pommes und Salat verspeisen.

Wir verwöhnten Studiosi bemerkten mit Erstaunen, dass für gewöhnlich die Räume allgemein in den Unterkünften überheizt waren. Es ließ sich nur Schlaf finden, wenn die Fenster ganz unabhängig vom Wetter weit geöffnet wurden. Die Ursache war den fehlenden Thermostaten an den Heizkörpern geschuldet. Sie waren – auf Nachfrage wurde uns dies versichert – von den polnischen Besuchern geklaut worden. Ebenso wie oftmals Wasserhähne, die für überflüssig erachtet wurden. Beweisen ließ sich das jedoch nie.

In starker Erinnerung geblieben sind auch die nächtlichen Spaziergänge über den verschneiten Hof der Jugendherberge in Stralsund im November, um rein körperlichen Bedürfnissen nach ausgiebigem abendlichen Bierkonsum zu folgen, und natürlich die Erfahrung des Schleifpapier ähnelndem Toilettenpapiers. Aber das soll hier nicht weiter vertieft werden...

Um den Aufenthalt in Stralsund beispielhaft für all die anderen besuchten Städte der DDR noch ein wenig vertiefend zu schildern, sei hier der morbide Charme der ehrwürdigen aber vernachlässigten Bausubstanz in den Altstädten genannt. Auf der Wintertour waren die Kohlehaufen neben den Haustüren unübersehbar und in der Farbe kaum zu unterscheiden von den bröckelnden Hausfassaden der Altbauten. Aus allen Kaminen der Häuser quoll an frostigen Tagen schwefelgelb getränkter Rauch und senkte sich in die Gassen der Städte, dass es empfindlicheren Naturen unter uns den Atem nahm und hüsteln machte. In Halle mussten wir uns damals auf dem Weihnachtsmarkt an den Händen fassen und im Entengang durch die jahresendzeitlich geschmückten Gassen schleichen, um uns nicht aus den Augen zu verlieren in dem rauchschwangeren Nebeldunst. Diesen Duft des Ostens nahm man übrigens im Koffer mit zurück in den Westen und konnte ihn die Angehörigen nachempfinden lassen, sobald man seinen Koffer öffnete. Dass es der „sozialistischen Menschengemeinschaft in der DDR“ (offizielle Sprachregelung) nicht verborgen bleiben konnte, dass sie durch ihr erzwungenes Verhalten Flora und Fauna und natürlich sich selbst schädigten, wurde mir einmal hinter vorgehaltener Hand von einem Stadtbilderklärer bestätigt. Er bekannte sich als „Umweltaktivist unter erschwerten Bedingungen“ und interessierte sich brennend für Nachrichten über grüne Politik im Westen. Obwohl im Januar 1987 in Dresden der erste Industrienebelalarm ausgelöst werden musste, verheimlichte die Führungsriege der DDR genaue Messwerte.

Die sichtbaren und allgegenwärtigen Schäden der Umweltsünden konnte sie jedoch nicht unsichtbar machen. Das genügte couragierten Menschen wie den Friedens- und Freiheitsbewegten, um an dem Sinn und der Richtigkeit der gesamten sozialistischen Lebensweise zu zweifeln und manchmal vielleicht auch zu verzweifeln. Während unserer Aufenthalte in der DDR selbst blieb uns üblicherweise wenig Zeit, Muße zu finden, um über Sinn und Zweck des sozialistischen Experiments nachzudenken. Erbarmungslos einem verordneten immer engen Zeitplan folgend, führte uns Herr Professor Grieser von einem historischen Ort zum nächsten Schauplatz der Geschichte, an denen der Osten verschwenderisch viele zu bieten hat. Und er war sagenhaft schnell, unser Studienführer. Immer sehr viel schneller als der oder die flotteste Student/in. Dabei denke ich an den Abstieg von der Festung Königstein im Elbsandsteingebirge bei Pirna hinunter zur funktionstüchtigen Gierseilfähre über die Elbe. Unglaublich schnell und geschickt und sicher wie eine Gämse sprang er von Stein zu Stein und ließ alle Seminaristen jammernd ob des vorgelegten Tempos hinter sich. Er hatte die frühere Fahrt noch erwischt und saß bereits auf dem gegenüberliegenden Ufer beim Mittagsmahl, als wir verbummelten Studenten im zweiten Schwung nach gemächlicher Wartezeit eintrudelten. Hier war es eine Fähre, die uns mangels einer Brücke auf die andere Seite bugsierte.

Doch zu jeder Reise in jedem Semester war es der unermüdliche Brückenbauer Prof. Grieser, der seiner Überzeugung zu jeder Reise aufs neue Ausdruck verlieh und uns ermahnte, jede Gelegenheit zu nutzen um Bande zu knüpfen und Brücken zu bauen für eine gemeinsame Zukunft beider Staaten.

Dass es insgesamt gelungen ist, davon kann sich heute in Freude und Freiheit jeder in Ost und West überzeugen. Für uns Alumni der CAU gehören jene Ort und Landschaften in der DDR zu unseren Jungmenscherlebnissen. Heute macht es glücklicherweise keinen Unterschied mehr, ob ich als junger Mann mit ostdeutschen Wurzeln in Kiel mein Studentenleben genieße oder als westdeutscher Student den Lebensalltag an der ehrwürdigen Universität in Greifswald erfahre.

Sicher und in gemeinsamer Anstrengung aller Deutschen sind aus dem Grau der „Ruinen“ des Ostens heute wieder 5 farbenfröhliche Länder „auferstanden“. Die Brücken tragen.