Studierende Eltern 1965

Autor: Prof. Reinhard von Hanxleden

Die CAU habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Eine gern erzählte Familiengeschichte handelt davon, dass meine Mutter bei meiner Geburt fragte, ob mein Vater dabei sein könnte, was damals nicht üblich war. Ihre Aussage, dass mein Vater doch nur ein Stockwerk entfernt sei, wurde von den Ärzten der Kieler Uniklinik anscheinend zunächst als Wahnerscheinung einer Gebärenden abgetan. Es dauerte eine Weile, bis man realisierte, dass mein Vater tatsächlich im gleichen Gebäude Experimente zu seiner Doktorarbeit durchführte, und er doch noch dazu geholt wurde. Dass an jenem fünften Oktober auch die CAU Geburtstag hatte, und zwar ihren dreihundertsten, war meinen Eltern nicht bewusst. Fünf Tage später legte meine Mutter ihr erstes Staatsexamen ab. Eine spätere Anekdote handelt davon, wie während eines wohl nicht so spannenden Seminars meine Mutter ihrer Kommilitonin ein Photo des herzhaft gähnenden Sprösslings zeigte, woraufhin beide in solches Gelächter ausbrachen, dass sie fast des Saales verwiesen worden wären.

Seitdem hat sich einiges geändert. War es damals noch eine ziemliche Herausforderung, Studium und Elternschaft unter einen Hut zu bringen, bietet die CAU heute umfangreiche Unterstützung für studierende Eltern und ist stolz auf ihr Zertifikat „familienfreundliche Universität“. Die Wohnungssituation für Studierende mag heute schwierig erscheinen, war damals jedoch noch deutlich komplizierter. Fließend Wasser gab es damals höchstens von den Wänden, ein Kommilitone meiner Eltern wohnte buchstäblich unter einer Treppe.

Als ich 1985 mein Studium an der CAU begann war es schon einfacher. Ein glücklicher Zufall führte mich bei der Zimmersuche zum Haus einer Verbindung, welche mir nicht nur preisgünstiges Wohnen und studentisches Miteinander über Fächergrenzen hinweg bescherte, sondern mit ihrem „Lebensbundprinzip“ auch dazu beitrug, die Bande nach Kiel auch nach meinem Studienortswechsel nach dem sechsten Semester nicht abreißen zu lassen. Dass die emotionale (und finanzielle) Bindung an die alma mater auch außerhalb von Verbindungen selbstverständlich sein kann, durfte ich anschließend an amerikanischen Universitäten erfahren. Die zwischenzeitliche Gründung des Alumni-Vereins an der CAU ist diesbezüglich ein guter Schritt. Ein jährliches „homecoming“ ist bei uns (noch) nicht etabliert, aber vielleicht bringt der 350. Geburtstag der CAU ja auch einige Ehemalige zurück. Schön wäre es, wenn dies zu einer stärkeren Bindung zwischen Universität und ihren Ehemaligen auch über das Jubiläumsjahr hinaus führen würde. Zumindest wird dank des großen Engagements aller am „Projekt Universitätsjubiläum“ Beteiligten sich wohl so ziemlich jeder jetzige Student später daran erinnern, in irgendeiner Form beim Fest dabei gewesen zu sein.

Unruhestifter im Seminar