Von der Familiengeschichte zur CAU

Autor: Conrad

Ursprünglich bin ich am Rhein, wo meine Mutter zu meinem Vater gezogen war, geboren und aufgewachsen. Doch besuchte ich in den Ferien immer meine Familie mütterlicherseits auf einer Insel im nordfriesischen Wattenmeer. Hier verlebte ich sorgen- und reglementierungsfreie Ferien im alten Haus meiner ebenso alten Großtante, die dort seit dem Tode ihrer Eltern allein wohnte und ein Original war (z.B. sprach sie ausschließlich plattdeutsch).

Das 10-Zimmer-Haus war schon über 100 Jahre alt, kaum renoviert und besaß zahlreiche nicht bewohnte "Rumpelkammern" mit Überbleibseln aus vergangenen Generationen und vielen uralten Gegenständen - ein Paradies für ein Kind und seine Entdeckungsreisen durch das Haus; dazu kamen viele alte Photos und Geschichten, die mir erzählt wurden.

Als ich älter wurde, interessierte ich mich für die Familiengeschichte immer mehr und begann Familienforschung zu betreiben. Wie sich herausstellte, war unsere Familie eine Handwerkersfamilie, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts dort auf der Insel lebte, vorher vom Festland eingewandert war. Einer der Vorfahren war ein etwas herunter gekommener ehemaliger Gutsherr namens Henning Herrn (1732-1802) aus Fresenhagen bei Leck, mein fünffacher Urgroßvater. Das war doch schon mal was. Da er ökonomisch "herunter gekommen" war, mußte er notgedrungen vorher "herauf gekommen" sein. Und tatsächlich entpuppte sich die Verfolgung dieser Linie der Vorfahrenschaft als äußerst spannend.

Über Kirchenbücher und Literatur ermittelte ich, daß sich hinter der Familie Pastoren aus Schleswig-Holstein verbargen. Denn des Gutsherren Urgroßvater (mithin mein achtfacher Urgroßvater) war der Prorektor und Prokanzler Prof. Dr. Nicolaus Martini (1632-1713), einer der Professoren der CAU, die der Herzog als erste auf die neugegründete Universität berufen hatte.

Ich erforschte jetzt natürlich die Biographie dieses Mannes, mit dem ich mich seltsam verbunden fühlte. Als ich dann erfuhr, daß es ein Portrait von ihm in der Kieler Kunsthalle geben würde, war ich sehr gespannt, meinem Vorfahren zu "begegnen". Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als "wir" uns dann von Angesicht zu Angesicht sahen!

Das Kind von damals hat mittlerweile selbst studiert und wohnt in Kiel - ebenso wie es einst sein achtfacher Urgroßvater tat. Zu der memorialen Erfahrung mit der CAU trat die persönliche hinzu. Und jedesmal, wenn ich heute noch in der Faulstraße an der Stelle vorbeifahre, an der das Wohnhaus meines Vorfahren stand, denke ich an ihn und seine Arbeit von vor 350 Jahren, als er die CAU mit aus der Taufe gehoben hatte. Und dann fahre ich meistens in die Mensa zum Mittagessen ;-))