Hitze und Schinkenbrot

Autor: Reinhard Koglin

Ich war schon beim 300. Geburtstag der CAU dabei

Geehrt fühlte ich mich und überaus wichtig. Als Vertreter meiner Fachschaft war ich zum zentralen Festakt der Universität Kiel anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens im Jahre 1965 eingeladen.

Ich war 21 und Student im 5. Semester. Der Festakt fand in der Kieler Nikolaikirche statt, tagsüber und mitten im Sommer. Es war sehr heiß, vielleicht 30 Grad, allerbestes Strandwetter. Aber ich schmiss mich pflichtbewusst in Schale und nahm teil.

Die Kirche war proppevoll. Mein Platz war irgendwo ganz hoch oben, wo kaum Frischluft hinkommt.

Der Festakt begann mit dem Einzug der Ehrengäste, die meisten in Talaren, aus Kiel natürlich und aus dem In- und Ausland. Eine bemerkenswerte Reihe von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Mit Glückwünschen und mit Grußworten. Die Temperatur passte sich dem hohen Niveau an.

Die Festrede hielt der Rektor, Professor Wolfgang Bargmann. Sie dauerte wohl 30 Minuten. So viel Zeit muss sein für eine Universität, die ihren 300. Geburtstag feiert. Angesichts der weiter steigenden Celsiusgrade bei gleichzeitig sinkendem Sauerstoffanteil war höchste Konzentration erforderlich, um nicht einzunicken und von der Kirchenbank zu gleiten.

Erleichterter Beifall zum Ende der Rede. Wir waren erlöst. Inzwischen waren gefühlt 35 Grad erreicht. Gleich konnten wir gehen. Gleich?

Nein. Der Redner fing noch einmal an, diesmal auf Englisch. Welch charmante Höflichkeit gegenüber den ausländischen Gästen, die kein Deutsch verstanden! Höflichkeit verbietet eine Zusammenfassung. Also gleiche Länge wie auf Deutsch, noch einmal 30 Minuten. Die Temperatur überstieg die Vierzigermarke; der Sauerstoffgehalt sackte ins Bodenlose. Jetzt aber raus!

Offensichtlich gab es Gäste, die weder deutsch noch englisch konnten. Der Redner hub zum dritten Mal an. Diesmal auf Französisch und noch einmal 30 Minuten. Die Temperatur dicht am Siedepunkt, die Sauerstoffkonzentration unterhalb der Nachweisgrenze.

Ich weiß nicht mehr, wie ich völlig entkräftet und halb erstickt die Nikolaikirche habe verlassen können. Aber ich war stolz, dass ich dabei war, als meine Lehranstalt 300 wurde.

Entschädigt wurde ich wenige Tage später, als die Universität uns noch einmal zu einem Schinkenbrot in die Ostseehalle einlud. Es war Abend, und es war kühl. Der Schinken schmeckte mir armem Studenten köstlich und ließ mich keinen Gedanken daran verschwenden, dass ich irgendwann einmal auch den 350. Geburtstag der CAU erleben würde. Herzlichen Glückwunsch, meine Uni!