Kiel Sailing University

Autor: Michael Gut

Kiel Sailing University

Prost Neujahr! Das gleiche Spiel wie jedes Jahr. Irgendwie muss ich die übernächtigten, von vielen Feiertagen ermüdeten und von neuen hehren Vorsätzen geplagten Freunde aus ihren Häusern locken. Immer wieder am 1. Januar feiere ich Geburtstag, denn an diesem Tag bin ich einst in Düsseldorf in die Welt gesetzt worden.

Im Jahr 1982 dann kam ich eher unfreiwillig nach Kiel, um hier an der Christian-Albrechts-Universität nach meinem Grundstudium in Nordrhein-Westfalen meine Studien zu vertiefen. Unfreiwillig deshalb, weil mir eigentlich das Hauptstudium in der konkurrierenden Hansestadt Hamburg angeraten wurde. Ein für mich im Verlauf des Jahres 1981 einjähriges Bemühen um Zulassung scheiterte allerdings wegen seinerzeit unüberwindlicher Länderquoten.

Bei meiner Wahlmöglichkeit zwischen Freiburg und Kiel fiel mir schließlich die Entscheidung, vor allem der Entfernungen halber dann doch leichter als befürchtet. Kiel kannte ich seinerzeit schon als Studienort mit maritimem Charme von meinem Aufenthalt im Jahr 1978. Damals studierte ich ein Semester Architektur an der Muthesius Kunsthochschule. Bedauerlicherweise - aus heutiger Sicht - hatte ich das Studium mit Beginn des WS 1978/79 abgebrochen. So verpasste ich nicht nur den Jahrhundertwinter mit der letzten Schneespringflut in Schleswig-Holstein, sondern auch meine Karriere als Kunstarchitekt.

Erfreut kann ich jedoch heute behaupten, die einmalige Chance auf eine duale Ausbildung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit Leidenschaft genutzt zu haben. Hin- und Hergerissen zwischen den im 13. Stockwerk sich in jenen Zeiten bitterlich bekämpfenden politischen Lagern am Institut für Politische Wissenschaften, verlagerte ich meine Studienschwerpunkte auf das Gebiet der Wirtschaftsgeschichte, der Philosophie und der in Deutschland damals einmaligen Gelegenheit zu sportlicher Freizeitgestaltung. Am Institut für Sportwissenschaften bot das Segelzentrum der Universität den Erwerb von Segelscheinen an. Dort blies uns Studenten zwar je nach Kurs auch der Wind heftig entgegen, aber er lies sich mit seglerischem Geschick für die Zwecke des Fortkommens leichter und erfolgversprechender nutzen.

Hier, im Schilkseer Reich von Harald Kimmel und Ulli Holstermann, fernab bierernster Studienatmosphäre, konnten wir Sportler im Spiel der Wellen und im Spaß der Winde die studentische Leichtigkeit des Seins erleben. Sämtliche Segelscheine im Team vereinter Studenten aller Fakultäten konnten und können auf den Regattabahnen Kiels angestrebt und erworben werden.

Die Ausbildungsfahrten waren legendär und je nach aktueller Windrichtung sogar spektakulär. Da ließen sich die Segellehrer nie lumpen, sie suchten auch für ihre Segelschüler die kursreiche Herausforderung in der dänischen Südsee des baltischen Meeres. Mit der Christian Albrecht als Führungsjacht, einer Bianca Riviera, startete die kleine Flotille vom Revier aus, in dem alljährlich zur Kieler Woche Weltmeister sich treffen, mit vier weiteren Ausbildungsjachten, den Friendships, Kurs Nord.

Der erste von uns angepeilte Hafen war Marstal auf Aerö. Wegen seines sehr schmalen richtungswechselnden Fahrwassers über einige Seemeilen hinweg eine echte Herausforderung für Anfänger. Eine Crew berichtete am Abend eine Grundberührung und ihrem Glück, sich wieder freigeschaukelt zu haben. Den darauffolgenden Tag segelten wir bei vorherrschendem Westwind auf Halbwindkurs in rauschender Fahrt nach Rudköbing auf Langeland, vorbei an Valdemars Slot in den Svendborgsund zwischen Thurö und Tasinge hinein und schließlich nach Svendborg in den Hafen von mangelhaft ausgeprägter Anziehungskraft. Die reizvolle Altstadt entschädigte uns für den ausgeprägten „Duft“ nach Fisch und Futtermitteln an Bord. Am Folgetag segelten wir weiter durch den Sund, steuerbords Ranzausminde, dann Ballen und backbords gegenüber die Inselchen Skarö, Drejö und Avernakö, ein Eiland hyggeliger als die nächste Insel, mit phantastisch bunten pippilottig langstrumpfigen Gehöften und herrschaftlichen Häusern beidseits des Sunds, allesamt mit eigenem Meereszugang. Überwältigt von der traumhaften, von See her bestaunten Landschaft kreuzten wir unter mannigfachen Peilungen und steuerten Faborg an, unser nächster kleine Hafen für die Nacht. Unsere Segellehrer forderten täglich größeres Seglergeschick von uns. Die weitere Fahrt führte über Aerösköbing und retour über die Nordspitze der Insel Aerö, das Leuchtfeuer Skjoldnaes passierend und steuerbords die Flensburger Förde kreuzend, zurück in Richtung Kiel. Bei eitel Sonnenschein und herrlichstem Segelwind an der Mündung des Schleiarms bei Schleimünde vorbei - dem für manchen Segler (wissenschaftlich nicht ganz korrekt) einzigem Fjord Deutschlands - über die Eckernförder Bucht mit Peilung zunächst auf die Tonne Stollergrund Süd und koppelnd Kleverberg Ost zurück in die Strander Bucht, dem Heimathafen Schilksee entgegen, der „Endstation“ einer traumhaften und unvergesslichen Seereise. Am Folgetag die Prüfungen im Regattagebiet der Kieler Woche und den Lohn zur fröhlichen Entspannung aller Schein-Aspiranten: der BR-Schein (heute Sportküstenschiffer-Schein).

Welche Universität hatte seinerzeit Vergleichbares zu bieten. Ein unglaublich glückliches Angebot für alle Studierenden in Kiel auch heute noch. Aus echter Dankbarkeit gründeten einige Ehemalige vor Jahren gemeinsam mit dem langjährigen Leiter des Segelzentrums den Förderverein Kiel Sailing University e. V. (KSU, Anfang 2014 aufgelöst), um das Segelzentrum in Zeiten knapper Landeskassen bei der Beschaffung von Segelzeugersatz zu unterstützen. Die ehrwürdigen Friend-Ships wurden zwischenzeitlich durch Jachten der Marke Mantra ersetzt und auch auf ihnen wurde bis heute in vielen Jahren der legendäre Alumni-Cup ausgesegelt und alljährlich unter den jeweiligen Gewinnern weitergereicht. Insbesondere auch dieser Trophäe der Alumnis der Universität Kiel ist es zu verdanken, dass ehemalige Studierende und heutige Studenten zusammentreffen und gemeinsam segeln, spaßen und kommunizieren. Wie es hoffentlich noch lange Tradition sein wird an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und im Kieler Segelrevier: Carpe Diem!