Persönlicher Beitrag zum 350jährigen Geburtstag

Autor: Eckhard Sauerbaum

Herbst 1959. Nach einem Semester in Marburg kam ich nach zwei weiteren Semestern nach Kiel.Aus Berlin, dieser damals so zerrissenen Großstadt mit einer pulsierenden, aufreizend zerrissenen Kulturszene. Fürs Studium eigentlich ungeeignet. Halbe Nächte als Aushilfsfahrer im Großhandel wechselten sich mit nächtlichen Ausflügen in das pralle Kulturleben ab. Vorlesungen drohten ständig im Kampf mit der Müdigkeit zu ersticken.

Dabei war der universitäre Bereich schon damals gut aufgestellt. Das Otto-Suhr-Institut ließ über den juristischen Tellerrand der FU blicken. Heimliche Ausflüge zur Humboldt stimmten mehr als nachdenklich.

Immerhin brachte ich einige ordentliche Scheine sowie einen gewissen Sättigungsgrad für kulturelle Abenteuer mit. Ich kam als Schleswiger an meine Heimatuniversität, nach Kiel, die immer noch stark zerstörte Stadt mit einer Restuniversität. Klangvolle Namen fanden sich jedoch gerade auch im Lehrkörper der juristischen Fakultät, einige jedoch noch mehr oder weniger„angebräunt“.

Persönliche Begegnungen konnte man jedoch umgehen, indem man sich auf die Neuauflagen zum Teil hervorragender Lehrbücher stürzte. Schnell und ordentlich sollte ohnehin das Examen sein. Im Grunde verschulte man sich damals freiwillig mit Büchern und Repetitor. Für Klagen blieb keine Zeit.

Eine Promotion sollte meine Beziehung zur Heimatuniversität festigen. Leider gestaltete sich die Arbeit durch einen Wechsel meines Doktorvaters nach Frankfurt – ich hatte zwischenzeitlich Familie in Kiel – zeitaufwendiger, aber auch inhaltlich schwieriger. So beschloss ich die Arbeit nach dem zweiten Examen zu beenden. Trotz allgemeinen Einstellungsstops für Juristen hatte ich erfreulicherweise die freie Berufsauswahl. Aus Überzeugung nahm ich ein sehr gutes Angebot als Anwalt an, immer noch hoffend, die Arbeit „nebenbei“ zu vollenden. Im Zeitraffer verblasste die Hoffnung jedoch von Tag zu Tag immer mehr.

Im übrigen wurde man gerade als Anwalt von Mandanten oft genug als Herr Doktor angeredet. Pflichtgemäß hatte man zu widersprechen. Manche Mandanten blieben jedoch hartnäckig. Einer älteren Bäuerin hatte ich wegen der Anrede in einem von ihr emotional geführten Gespräch mehrfach widersprochen. Ihre Antwort: Sie schaute mich entwaffnend an und sagte mit fester Stimme „ist schon gut Herr Doktor“.Ich gab auf: Erstens, ihr zu widersprechen, zweitens aber auch meine Arbeit zu vollenden. Die Brücke zu meiner Heimatuniversität schien abgebrochen.

Aus einem anderen Grunde lernte ich im übrigen sehr schnell die Bedeutung einer Promotion „volksnah“ einzuordnen. In jungen Jahren – seit Mitte der 60er Jahre – hatte ich mich neben dem Beruf der Kommunalpolitik verschrieben und merkte, dass titellose Begegnungen beim Wähler die oft vorhandenen Berührungsängste schneller abbauten (nicht umsonst lassen Berufspolitiker den Titel oft genug in der Öffentlichkeit weg).

Überraschenderweise sollte sich vor diesem Hintergrund jedoch über Jahre eine wesentlich stärkere Brücke zu meiner Heimatuniversität aufbauen. In meiner Eigenschaft als ehrenamtlicher Stadtpräsident von 1974 bis 1978 und von 1982 bis 1985 war es u. a. meine Aufgabe, neben dem OB die Zusammenarbeit mit der Universität zu pflegen und zu gestalten. Gemeinsames Ziel war es, unsere Universität als wichtige städtische Säule in das Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, ihr Ansehen nach Außen zu mehren und im innerdeutschen Ranking auszubauen. In anderer Funktion durfte ich später mich in bescheidenen Umfangs mit dem gleichen Ziel einbringen.

So durfte ich teilhaben an der Entwicklung von einer kleinen Universität zu einer modernen, weltoffenen Universität mit einem beachtlichen Zulauf von Studenten aus aller Welt. Damit konnte ich zu Beginn meiner Promotion sicher nicht rechnen. Wie das Leben so spielt. (Sicher bin ich jedoch, mich auch promoviert nicht anders eingebracht zu haben als tatsächlich geschehen)

Freuen wir uns also gemeinsam auf den anstehenden 350jährigen Geburtstag.

Eckhard Sauerbaum