Studentin und Mutter

Autor: Angelika Volquartz

Nach langer Schulzeit mit dem „Reifezeugnis“ ausgestattet, stand ich im Sommer 1967 vor der ersten wichtigen eigenen Entscheidung. Und sie sollte sich – ohne dass mir dies zu dem Zeitpunkt schon klar war – als eine der bedeutendsten Entscheidungen meines Lebens erweisen.

Dabei ging es damals „nur“ um den zukünftigen Studienort. Ich hatte mich für den Lehrerberuf entschieden, und für eine Binnenländerin aus Uelzen in Niedersachsen lagen, wie bei manchen Mitschülerinnen – Jungen gab es nicht an unserem Lessinggymnasium – renommierte Hochschulen im Lande nahe, auch Hamburg.

Die angesehene Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hatte jedoch etwas zu bieten, das bundesweit damals nicht auf der Agenda stand: Ein Universitätsstudium für das Lehramt an Realschulen mit der Option, auch andere Wege zu beschreiten.

Ohne persönliche Verbindungen zur nördlichsten Landeshauptstadt, immerhin ausgestattet mit schönen Erinnerungen an Studenten von der Förde als flotte Tänzer, entschied ich mich für Kiel.

Wenn ich geglaubt hatte, mit dem Abitur die maßgebliche Voraussetzung für das Studium erfüllt zu haben und in dem entsprechenden Hochgefühl gen Norden fuhr, dann wurde ich bei der langen und mühevollen Zimmersuche rasch auf den Boden der Realitäten zurückgeführt. Schließlich aber fanden drei angehende Studentinnen wenige hundert Meter von der Universität entfernt Räume im Tiefparterre eines Hauses, dessen Erdgeschoss männliche Kommilitonen für sich erobert hatten.

Die Einschreibwege für das Studium der Biologie und der Geographie wurden mit freundlicher Unterstützung älterer Semester zügig erledigt, dann ging es im „Kleinen Schwarzen“, zuletzt getragen beim Abitur, zur feierlichen Immatrikulation im Audimax.

Meine finanzielle Ausstattung bestand aus dem maßgeblichen Beitrag meiner Eltern und erfreulichen regelmäßigen Überweisungen der Berliner Großeltern. Zur Abrundung des Starts am neuen Ort suchte ich das Studentenwerk auf und ließ mir von der Jobvermittlung eine Nebentätigkeit als Schreibkraft bei einer Presseagentur vermitteln.

Nun konnte es also losgehen. Biologen, Meereskundler und Mediziner hatten in den ersten zwei Semestern gemeinsame Vorlesungen. Das führte nicht nur zu einem erweiterten Horizont über das Lehrerstudium hinaus, es ergaben sich daraus auch eine Reihe persönlicher Verbindungen, die zum Teil bis heute fortbestehen.

Zwar war ich vom Abiturjahrgang her gerade noch eine Vor-Achtungsechszigerin – und sah tatsächlich auch die allererste Herausforderung darin, ordentlich und zügig zu studieren – aber dem kritischen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen verschloss auch ich mich nicht, und so fand ich mich denn eines Tages mit vielen anderen auf den Straßenbahnschienen sitzend wieder, weil mir, wie anderen, die Diskrepanz zwischen Studium, Job und knapp bemessenen Etat einerseits, und drastischen Tariferhöhungen andererseits, nicht akzeptabel schien. Es gab noch weitere Anlässe für politisches Engagement, aber im wesentlichen blieb ich bei der Priorität für das Studium.

Dafür gab es zwei Gründe: Wenn in den eskalierenden Auseinandersetzungen „der Muff von tausend Jahren“ unter den Talaren beschworen wurde, dann konnte ich in den jungen Assistenten, Dozenten und auch Ordinarien davon nichts entdecken, ich fand sie kompetent, offen, aufgeschlossen und verständnisvoll – auf die eine wesentliche Ausnahme wird im folgenden hingewiesen.

Der zweite Grund war höchst privat: ich sah – in angemessenem Abtand zum Datum der Eheschliessung – Mutterfreuden entgegen. Das war nun in der Tat bei einer Studentin in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts – und lange vor dem ersten Kindergarten an der Uni – offenbar an der Grenze zum Skandal. Und so fehlte es nicht an „wohlmeinenden“ Ratschlägen: ob es denn unbedingt ein Studium sein müsse, wo doch der Ehemann in Lohn und Brot sei. Aber es sei hier festgehalten: glücklicherweise war die Zahl derjenigen, die einer jungen Mutter mit einfachen praktischen Hilfen zur Seite standen, groß genug, um den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Dabei ging es zum Beispiel darum, Literatur der Präsenzbibliothek doch einmal über das Wochenende mit nach Hause zu nehmen oder die Gran-Canaria-Exkursion durch Veranstaltungen in geographischer Nähe zu ersetzen. Ohne Zweifel ist daraus eine erste tiefere Bindung an die CAU entstanden: einerseits die Einsicht, dass es gewiss das eine oder andere zu regeln gebe und andererseits die Dankbarkeit, dass mir der gewählte Weg ermöglicht wurde.

Und so sezierte ich Frösche, Mäuse und Meerschweine (auch hier sind hilfreiche Assistenten in guter Erinnerung), kartierte eiszeitliche Bodenformen und stand eines Tages zum ersten Mal vor einer Klasse. Auch als Lehrerin und Schulleiterin hielt ich die Verbindung zur CAU als der „alma mater“. Es sollte aber noch viel Zeit vergehen bis zu einem seriösen politischen Engagement, in das ich erst spät einstieg.

Dann aber – Ratsversammlung, Schleswig-Holsteinischer Landtag, Deutscher Bundestag, Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt Kiel – wurde aus dem fachlichen Interesse das für die Institution. Da ging es im Landtag um den Organismus Hochschule, um Fakultäten und Institute, um die erforderlichen Etats und die Gestaltung für die Zukunft, ebenso im Bundestag, dazu auch um die BAFÖG-Förderung für Studierende und schliesslich im Kieler Amt um den ständigen und intensiven Dialog zwischen Hochschule und Stadt.

Dort,wo ich im „Kleinen Schwarzen“ als Erstsemester gestanden hatte, da stand ich nun als Repräsentantin des Parlaments und später als solche der Stadt. Und es war mir bewusst: die Erwartungen, mit denen ich in das Audimax gekommen war, diese Erwartungen richteten sich jetzt auch an mich. So setzte ich viel daran, mich informiert zu halten, vom gesunden Mensa-Essen über die UB bis zum Thema Exzellenz-Cluster, und ich suchte natürlich vor allem nach Wegen, für die Entwicklung der Hochschule nützlich zu sein.

Heute wachsen die Herausforderungen, denen sich die CAU gegenüber sieht, in einem Masse, das von allen Beteiligten hohes Engagement verlangt. Ich bin der Christian-Albrechts-Universität dankbar, die mir so viel gegeben hat. Die Jahrhunderte alte CAU präsentiert sich heute moderner denn je und der Zukunft zugewandt. Mein Wunsch zum Jubiläum: Vivat, crescat, floreat.

Angelika Volquartz
Oberbürgermeisterin a.D
Ehrenbürgerin der CAU