Wie das Labor der Kieler Universitäts-Kinderklinik dazu beitrug, dass weltweit Neugeborene und Säuglinge schmerzfrei operiert werden

Autor: Dr. Wolfgang Sippell

Im Herbst 1984 erzählte mir während der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kinderendokrinologie (ESPE) in Heidelberg mein Kollege aus Oxford, Albert Aynsley-Green, dass in allen angelsächsischen Ländern Früh- und Neugeborene sowie Säuglinge bei Operationen die sog. Liverpool-„Narkose“ erhielten, also lediglich Lachgas (ohne wirklich schmerzstillende Wirkung) und Curare (zur kurzfristigen Lähmung der Muskulatur), um eine gefürchtete postoperative Atem- und Kreislaufschwäche zu vermeiden. Die in England und den USA herrschende Lehrmeinung war, dass diese Kinder zwar Schmerzreaktionen, aber wegen ihres noch nicht ausgereiften Großhirns keine Schmerzwahrnehmung, kein Schmerzgedächtnis hätten.

Ich war entsetzt, wollte das zunächst nicht glauben, da bei uns seit vielen Jahren auch die sehr kleinen Babys bei Narkosen starke Analgetika wie Halothan oder Fentanyl erhielten, ohne dass es danach zu ernsten Nebenwirkungen kam. Albert und ich kamen zu dem Schluss, dass die englischen Anästhesisten nur durch eine ganz sauber angelegte Vergleichsstudie zu überzeugen wären und führten diese 1985/86 gemeinsam durch.

In jeder der winzig kleinen 50 – 100 µl Blutproben, die vor, während und nach einer Standardoperation am Herzen (Ductus Botalli – Verschluss) bei 16 Frühchen der Oxforder Uni-Kinderklinik (8 mit Liverpool-Methode, 8 mit Fentanyl zusätzlich) randomisiert gewonnen wurden, bestimmten wir insgesamt 14 Stress- bzw. Schmerzhormone und –stoffwechselprodukte mit der von uns entwickelten Spezialmethode. Die umfangreichen Analysen führten unsere MTAs Jutta Biskupek-Tech und Susanne Olin-Neumann zusammen mit unserem englischen Gastarzt Dr. Kanwal („Sunny“) Anand durch. Die 8 mit der angeblich so schonenden Liverpool-„Narkose“ operierten Kinder zeigten um ein Mehrfaches höhere Stresshormonspiegel, einen viel schwerer beeinträchtigten Stoffwechsel sowie kompliziertere postoperative Verläufe als die 8 präoperativ vergleichbaren Kinder, die Fentanyl zusätzlich erhalten hatten.

Nach Veröffentlichung dieser in ihrem Ausmaß von uns nicht erwarteten Ergebnisse im Lancet (Anand, Sippell & Aynsley-Green 1987; Lancet I: 243–248) brach in England ein Sturm der öffentlichen Entrüstung los – Reporter großer englischer Tageszeitungen machten auch bei uns in Kiel Interviews – , ein Untersuchungsausschuss des Unterhauses tagte zu diesem Thema, und sehr bald danach wurde die sog. Liverpool-Methode in England offiziell „beerdigt“, so dass seit Ende der achtziger Jahre auch die Babys in Großbritannien, Irland, den USA und Kanada, Australien und Neuseeland sowie inzwischen auch im Rest der Welt wirklich schonend und schmerzfrei operiert werden.