Wie ich den vollbesetzten Hörsaal Audimax G zum lauthalsigen Lachen brachte

Autor: Frank Borchardt

Mein Jurastudium an der Christian-Albrechts-Universität nahm ich zum Wintersemester 1992/93 auf. Gemäß der damaligen Studienordnung bekamen wir unsere erste Strafrechtsvorlesung, Strafrecht I, erst im 2. Semester. Im Sommersemester 1993 hielt die Vorlesung Strafrecht I Professor Wagner. Diese Lehrveranstaltung war lehrreich, aber auch anspruchsvoll, so dass untere Semester Schwierigkeiten hatten, von dieser Vorlesung zu profitieren.

Ebenfalls im Sommersemester 1993 wurde die Studienordnung dahingehend geändert, dass ab dem Wintersemester 1993/94 bereits im 1. Semester Strafrecht I gelesen wurde. Da einige Studierende aus unserem Semester meinten, noch Nachholbedarf im Strafrecht zu haben, beschlossen einige Kommilitonen und ich, im Wintersemester 1993/94 noch einmal die Vorlesung Strafrecht I zu besuchen.

Diese Vorlesung wurde gehalten von Professor Samson und begann montags um 13.00 h. Die für unser 3. Semester bestimmte Vorlesung Sachenrecht bei Professor Wunner begann montags um 14.15 h. Ich setzte mich also in die Vorlesung Strafrecht I im Audimax G wohlwissend, dass ich gegen 14.15 h die Vorlesung verlassen muss, um die Vorlesung Sachenrecht aufzusuchen.

Profesor Samson begrüsste die Erstsemester im vollbesetzten Audimax G und gab ihnen einige Tipps und Ratschläge für ihr Jurastudium. Gegen 14.15 h sprach er: „Liebe Leute, fahren Sie mir nicht schwarz im Bus. Das erfüllt den Tatbestand des Erschleichens von Leistungen gem. § 265 a StGB. Selbst wenn das Verfahren dann eingestellt wird, werden Sie im Computer als jemand geführt, der schon einmal schwarz gefahren ist. Das hat zur Folge, dass Sie dann nicht mehr das Referendariat antreten können. Als Referendar sind Sie Beamter auf Widerruf, das können Sie nicht werden, wenn Sie sich einmal wegen Erschleichens von Leistungen strafbar gemacht haben. Mit anderen Worten: Wer einmal schwarz mit dem Bus fährt und dabei erwischt wird, für den ist die Jurakarriere beendet.“

Nachdem Professor Samson diese Sätze gesprochen hatte, erhob ich mich im vollbesetzten Audimax G, um zur Vorlesung Sachenrecht im CAP 3 zu gelangen. Die Erstsemester in meiner Reihe standen nach und nach auf, um mich durchzulassen. Das bekamen die Studierenden im gesamten Hörsaal mit, brachten mein Aufstehen und Verlassen des Hörsaals mit den soeben gesprochenen Sätzen des Professors in Verbindung und brachen in schallendes Gelächter aus, da sie dachten, ich würde die Vorlesung verlassen, weil ich schon einmal schwarz im Bus gefahren sei.

Von einem Studenten des damaligen ersten Semesters erfuhr ich, dass Prof. Samson, wenn er im weiteren Verlauf der Vorlesung diverse Tatbestände aus dem StGB wie Diebstahl, Betrug, Unterschlagung etc. ansprach, die Studierenden aufforderte: „Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen!“

Professor Samson konnte ja nicht wissen, was der wahre Grund für mein Verlassen des Hörsaals gewesen war.